Eine Liebeserklärung von Felix Grädler
Im Spiegel war unsere Bahnstadt kürzlich ein „Entfremdungserlebnis“. Die Lokale Stimme Heidelberg hat die Frage aufgegriffen, ob unser jüngster Stadtteil nun weltweites Vorbild oder Betonwüste ist, und ist dorthin gegangen, wo man die Antwort findet: zu den Menschen, die hier leben.
Dass diese Debatte gerade in der “Lokalen Stimme” geführt wird, freut mich. Heidelberg hat mit ihr seit diesem Herbst ein neues, unabhängiges und werbefreies Lokalmedium, möglich gemacht von vielen Menschen aus der Stadt per Crowdfunding. Mehr Stimmen, die über ihre Stadtteile streiten, machen eine Stadt lebendiger.
Ich arbeite seit 2004 in der Bahnstadt, seit es hier kaum mehr gab als Güterhallen und Brache. Heute lebe ich hier mit meiner Familie. Und ich sage es ohne Umschweife: Ich finde diesen Stadtteil großartig.
Was ich an der Bahnstadt liebe
Ich liebe die Promenade. Auf der einen Seite der Stadtteil, auf der anderen Seite Felder bis zum Horizont. Morgens Jogger, nachmittags Kinder auf Laufrädern, abends Menschen, die einfach nur in den Sonnenuntergang schauen. Es gibt nicht viele Städte, in denen man so zentral wohnt und trotzdem ins Weite blickt.
Ich liebe, dass hier so viele Kinder aufwachsen wie kaum irgendwo sonst in Heidelberg. Dass am Spielplatz Englisch, Spanisch, Arabisch und Kurpfälzisch durcheinander gesprochen wird. Dass man in der Bahnstadt schnell Anschluss findet, weil fast alle irgendwann einmal neu hier waren.
Ich liebe die kurzen Wege. Kita, Schule, Einkauf, Arzt, Café, Straßenbahn, alles zu Fuß. Vom Hauptbahnhof ist man in wenigen Minuten zu Hause. So sieht eine Stadt der kurzen Wege aus, von der andere Quartiere nur in Planungspapieren träumen.
Ich liebe, dass dieser Stadtteil einmal etwas gewagt hat. Die Bahnstadt ist die größte Passivhaussiedlung der Welt, versorgt mit Energie aus erneuerbaren Quellen, mit begrünten Dächern und einem Wärmebedarf, von dem Altbauten nur träumen können. Als hier geplant wurde, hat kaum jemand so gebaut. Heute ist das Standard, den alle wollen.
Und ich liebe, dass hier Kultur zu Hause ist. Die halle02 war schon da, bevor der erste Bewohner eingezogen ist, und der Zollhofgarten ist aus ihrem Biergarten entstanden. Als ihr Geschäftsführer bin ich da nicht neutral. Aber ein Stadtteil, in dem Konzerte, Feste, Wochenmarkt und Promenadenfest ihren Platz haben, ist kein seelenloser Ort.
Was der Blick von außen übersieht
Der Spiegel widmet der Bahnstadt zwei Sätze. Das reicht für ein Urteil über Fassaden, aber nicht für eines über einen Stadtteil. Die Lokale Stimme hat genauer hingeschaut, und ihr Befund ist eindeutig: Die Menschen, mit denen sie gesprochen hat, leben gern hier. Drei Viertel der Bewohnerinnen und Bewohner sind grundsätzlich zufrieden. Wer ein Entfremdungserlebnis sucht, findet es in der Bahnstadt jedenfalls nicht bei denen, die hier wohnen.
Grossarth schreibt, die Bahnstadt biete wenig emotionale Anker. Die Lokale Stimme hat einen gefunden, am Café im Stellwerk, und es gibt viele mehr: den Spielplatz an der Promenade, den Wochenmarkt, die Feste des Stadtteilvereins, die halle02. Diese Anker hat niemand am Reißbrett gezeichnet. Die Menschen haben sie geschaffen, und genau das macht sie so stark.
Und man darf nicht vergessen, wie jung dieser Stadtteil ist. Die ersten Bewohner sind 2012 eingezogen. Die Altstadt hatte ein paar Jahrhunderte, um schön zu werden. Die Bäume der Bahnstadt hatten gerade einmal ein gutes Jahrzehnt. Wer heute über fehlenden Schatten klagt, sollte in zehn Jahren wiederkommen und wir sollten dafür sorgen, dass es schneller geht.
Heimat entsteht auch im Neubau
Grossarths eigentliches Thema ist die AfD, die mit dem Unbehagen über moderne Architektur Stimmung macht und Heimat nur im Alten sucht. Die Bahnstadt ist der beste Gegenbeweis. Hier ist in wenigen Jahren auf einer Industriebrache ein Zuhause für Menschen aus aller Welt entstanden, mit Nachbarschaft, Vereinsleben und eigenem Stolz. Heimat ist kein Baustil. Heimat sind die Menschen, die einen Ort mit Leben füllen. Als die AfD im Januar versuchte, im Bürgerhaus Bahnstadt Fuß zu fassen, haben wir uns fraktionsübergreifend dagegen gestellt, weil dieser Stadtteil für das Gegenteil steht.
Ja, es gibt Baustellen
Liebe heißt nicht, blind zu sein. Wie jede große Liebe hat auch die Bahnstadt ihre Macken. Es gibt zu viel Asphalt und zu wenig Schatten, im Hochsommer wird es in manchen Wohnungen zu heiß, und der Kanal am Langen Anger ist noch nicht der kühle Treffpunkt, der er sein sollte. Die Mieten sind hoch, und bei der Planung hätte man mehr geförderten Wohnraum und eine kleinteiligere Vergabe der Baufelder vorsehen sollen. Das habe ich schon 2021 so gesagt.
Nur: Das sind Fehler, die man beheben kann. Und keiner davon ändert etwas daran, dass hier tausende Menschen gern zu Hause sind.
Wir machen sie noch besser
Das Schönste an der Bahnstadt ist, dass sie nicht fertig ist. Viele Verbesserungen sind aus dem Stadtteil selbst gekommen. Eltern haben für einen sicheren Langen Anger vor Schule und Kita demonstriert, und ich habe das im Gemeinderat bis zur Akteneinsicht begleitet. Aktuell arbeiten wir an einem Konzept, das den Wochenmarkt am Gadamerplatz wieder zum Treffpunkt machen soll. Und mit Aktionen wie dem Promenadenfest bringen wir Leben auf die Promenade.
Was die Bahnstadt noch besser machen würde:
- Mehr Schatten und mehr Grün. Bäume, Sonnensegel, Sitzplätze, entsiegelte Flächen und Wasser, das man im Sommer auch nutzen darf.
- Mehr Leben auf den Plätzen. Kleine Konzerte, Feste, lokale Geschäfte und Angebote für Familien und Jugendliche, gerade rund um den Gadamerplatz.
- Ihre Erfahrung für ganz Heidelberg nutzen. Was in der Bahnstadt gelungen ist, und was wir heute besser wüssten, gehört in die Planung von Patrick-Henry-Village: kleinteilige Vergabe, bezahlbarer Wohnraum und Kulturorte von Anfang an.
Kommt vorbei
Die Lokale Stimme kommt zu dem Schluss, dass die Bahnstadt für die meisten Menschen ein gutes Zuhause ist, aber kein weltweites Vorbild. Da widerspreche ich. Mit Oberbürgermeister Eckart Würzner bin ich im Gemeinderat wahrlich nicht immer einer Meinung. Hier aber schon: Die Bahnstadt ist ein Vorbild. Nicht, weil sie perfekt ist, sondern weil sie mutig war, weil sie funktioniert und weil hier aus einer Brache in wenigen Jahren einer der lebendigsten, jüngsten und internationalsten Orte Heidelbergs geworden ist. Vor allem aber ist sie für uns, die hier leben, etwas Besseres als ein Vorbild: unser Zuhause.
An alle, die sich ein Urteil über die Bahnstadt gebildet haben, ohne einen Sonntagnachmittag an der Promenade verbracht zu haben: Kommt vorbei. Setzt euch ins Stellwerk, schaut den Kindern auf dem Spielplatz zu, lauft Richtung Felder in den Sonnenuntergang. Und dann reden wir noch einmal über Entfremdung.
Quellen
- Jan Grossarth: Dass unsere Städte und Dörfer gesichtslos werden, geht uns alle an, Der Spiegel 36/2026
- Lokale Stimme Heidelberg, Artikel „Streitpunkt Bahnstadt“
- Lokale Stimme Heidelberg auf Startnext
- Felix Grädler: Bahnstadt Heidelberg, ein Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung?, Heinrich-Böll-Stiftung BW, 2021
- Akteneinsicht in der Causa Sperrung Langer Anger, 2022
- Neues aus der Bahnstadt 2022
- Das Echo aus dem Gemeinderat, Juni 2022
- Vom Zwischennutzer zum Stadtbaustein, September 2026