Wenn Städte neue Quartiere planen, tauchen Clubs meist in einer von zwei Rollen auf. Entweder als Lärmproblem, das man planungsrechtlich möglichst weit wegschiebt. Oder als sympathische Zwischennutzung, die leerstehende Hallen bespielt, bis die „richtige“ Entwicklung beginnt. Beide Rollen sind zu klein gedacht.
Spannend wird es bei der Frage, wie Clubs und kulturelle Räume dauerhaft Teil von Quartiers- und Immobilienprojekten werden können und nicht nur als Zwischennutzung geduldet sind. Die Heidelberger Bahnstadt ist dafür ein Beispiel, das ich als Geschäftsführer der halle02 aus nächster Nähe kenne. Man sollte das Folgende also mit dem Wissen lesen, dass ich kein neutraler Beobachter bin. Interessanter als das Haus selbst ist ohnehin, wie aus einem unsicheren Provisorium überhaupt ein dauerhafter Baustein der Stadtentwicklung werden konnte.
Der Club war zuerst da
Die Bahnstadt ist auf dem Gelände des ehemaligen Güter- und Rangierbahnhofs entstanden, der bis 1997 in Nutzung war. Danach lag die Fläche als innerstädtische Brache mitten in Heidelberg. Dort, im alten Güterbahnhof, wurde 2002 die Kulturinitiative halle02 gegründet. Der Baubeginn des neuen Stadtteils erfolgte erst 2008, die ersten Bewohnerinnen und Bewohner zogen 2012 ein.
In diesem Fall also: Der Club war lange vor den Anwohnern da. Diese Reihenfolge dreht zumindest emotional (nicht rechtlich) die Frage um, wer sich eigentlich an wen anzupassen hat.
Wie aus einem Provisorium ein Baustein wurde
Anfangs war der Erhalt der halle02 ausdrücklich nicht der Plan der Stadt. Der alte Güterbahnhof wurde 2002 in Eigeninitiative einer Handvoll Kreativer bespielt, finanziert mit 35.000 Euro, die sie sich bei Familie und Verwandten geliehen hatten, und mit einem Mietvertrag über zunächst nur anderthalb Jahre. Die Szene hat sich ihre Plattform also weitgehend selbst geschaffen, ohne große Unterstützung von außen. Danach hing der Fortbestand jahrelang an immer neuen, meist jährlichen Verlängerungen. 2006, nach dem Einsturz einer Eishalle in Bad Reichenhall, prüfte das Baurechtsamt die Dachkonstruktion und hielt den Weiterbetrieb für zu riskant. Die Schließung schien unausweichlich.
Dass es anders kam, lag nicht an weitsichtiger Planung. Die Rettung war ein Flickwerk aus einer privaten Großspende, einem Mietverzicht des damaligen Eigentümers (Bahn) und einem knappen, an Auflagen geknüpften Zuschuss der Stadt, den der Gemeinderat erst nach kontroverser Debatte bewilligte. Getragen wurde das von über tausend Unterschriften und vom Druck des Jugendgemeinderats, für den die halle02 faktisch die lange geforderte Jugendhalle ersetzte. Das Sommermärchen 2006 tat sein Übriges, als der Zollhofgarten zu Heidelbergs beliebtestem Public-Viewing-Ort wurde. Das Dach wurde saniert, der Betrieb ging weiter. Gesichert war damit aber noch nichts. Schon am selben Abend wurde der langfristige Fortbestand wieder infrage gestellt, weil die Bahnstadt kommen würde.
Es folgten Jahre der Unsicherheit. 2010 kaufte die Stadt zwar das Gebäude, ohne dass klar war, was daraus werden sollte. Es gab auch Ideen, die halle02 in eine zahmere Variante aus Kunstausstellung und Cafébetrieb umzuwandeln. Dass daraus eine dauerhafte Lösung wurde, war ein langer und zäher politischer Prozess. Ein entscheidendes Argument war auch, die identitätsstiftende Funktion des Ortes für den neuen Stadtteil zu schaffen. Auch die Betreiber trieben die Frage bewusst zur Entscheidung, mit der klaren Ansage, ohne langfristige Perspektive auszusteigen. Am 29. November 2012 beschloss der Gemeinderat schließlich die Sanierung von “Dach & Fach” für rund 4,5 Millionen Euro, zunächst allerdings nur mit einem Zwei-Jahres-Vertrag, obwohl die Betreiber fünf Jahre wollten, und diese investierten selbst rund 2,7 Millionen Euro in die Ausstattung. In diesem Zuge wurde der Standort im Bebauungsplan als „Anlage kultureller Zwecke“ verankert. Das ist vermutlich bundesweit das erste Mal, dass ein Veranstaltungshaus diesen Status bekam.
Der eigentliche Punkt für die Stadtentwicklung ist also nicht, dass jemand am Reißbrett klug einen Kulturort vorgesehen hätte. Der Punkt ist, dass ein über Jahre gewachsener und hart erkämpfter Ort am Ende rechtlich abgesichert wurde. Erst diese Absicherung machte aus einem geduldeten Provisorium einen dauerhaften Baustein.
Warum „Kulturstätte statt Vergnügungsstätte“ mehr ist als Semantik
Die Unterscheidung zwischen Kulturstätte und Vergnügungsstätte klingt nach Behördendeutsch, hat aber Folgen. Die Einstufung als Kulturstätte bringt Clubs bau- und steuerrechtliche Vorteile, vor allem aber Planungssicherheit. Sie behandelt den Ort als Teil des Quartiers und nicht als beliebig verschiebbares Störelement.
Genau darum dreht sich die bundesweite Debatte um die Anerkennung von Clubs als Kulturorte. Die halle02 ist dabei kein besonders origineller Gedanke, aber ein konkreter Fall, auf den man verweisen kann.
Was der Standort fürs Quartier tut
Ein paar Zahlen, so gut sie sich von innen beurteilen lassen. Die halle02 zählt rund 200.000 Besucherinnen und Besucher im Jahr. Sie bringt Kultur in den jüngsten Stadtteil Heidelbergs, dessen Altersdurchschnitt bei etwa 29 Jahren liegt, und gibt einem sehr neuen Quartier ein Stück Identität. Ein Passivhausgebiet auf der grünen Wiese läuft Gefahr, austauschbar zu wirken, und ein bekannter Kulturort wirkt dem zumindest entgegen. Sichtbar wird das auch daran, dass der frühere Biergarten der halle02 als neuer Zollhofgarten zu einer öffentlichen Fläche wurde, die in die Bahnstadtplanung eingebunden ist.
Dazu kommt eine wirtschaftliche Seite, und die lässt sich am ehesten an der Geschichte selbst ablesen. Schon 2003 entstand rund um die halle02, im alten Zollamt, einer der ersten Orte für Kreativwirtschaft in Heidelberg, lange bevor dieser Begriff geläufig war. Programmierer, Booker und Designer saßen dort Schreibtisch an Schreibtisch. Ein Kulturort zieht genau diese Mischung an, und für eine Universitätsstadt ist dieser weiche Standortfaktor bei der Frage, wo gut ausgebildete Menschen leben und arbeiten wollen, nicht zu unterschätzen. Wie groß der Effekt in konkreten Zahlen ist, lässt sich schwer sauber beziffern, und ich wäre vorsichtig mit zu großen Behauptungen. Dass Kultur zur Belebung und zum Profil eines Quartiers beiträgt, halte ich aber für schwer bestreitbar.
Der ehrliche Umgang mit Nutzungskonflikten
Nutzungskonflikte verschwinden durch all das nicht. Wo Menschen wohnen und Menschen feiern, entsteht Reibung. Hannes Seibold, einer der Gründer, hat es einmal auf den Punkt gebracht: Belebung hat immer auch mit Lärm zu tun, egal ob durch Autos, spielende Kinder oder eben Konzerte, und lautlos ist sie nie zu haben. Weil der Club zuerst da war, greift zwar die Logik des Vorrangs des Bestehenden, wer neu in ein Quartier mit einem etablierten Veranstaltungshaus zieht, trifft eine bewusste Entscheidung. Das löst aber nicht alles.
Deshalb wurde die Reibung praktisch bearbeitet und nicht nur beschworen. Die Stadt gab ein Schallschutzgutachten in Auftrag, das klärte, unter welchen Bedingungen sich Betrieb und Wohnen vertragen. Die Hallen wurden schalltechnisch ertüchtigt, Eingänge und Raucherbereich von der Wohnbebauung weggedreht, und mit den ersten Bahnstadt-Bewohnern gab es von Beginn an einen regelmäßigen Stammtisch. Umgekehrt hat auch der Betrieb Einschränkungen akzeptiert, etwa den Außenbereich abends nur begrenzt zu bespielen. Der eigentliche Vorteil war, dass diese Fragen früh auf dem Tisch lagen, weil der Kulturort Teil der Planung war.
Was sich vorsichtig verallgemeinern lässt
Aus dem Fall lassen sich ein paar Punkte ableiten, wobei sich nicht alles eins zu eins übertragen lässt, weil Kontext und Zeitpunkt eine große Rolle gespielt haben.
Frühe Integration kostet weniger als späte Reparatur. Ein Club, der im Bebauungsplan und im städtebaulichen Konzept von Beginn an mitgedacht wird, verursacht weniger Konflikte als einer, den man über Jahre verteidigen muss. Die halle02 steht eher für den zweiten, teureren Weg, der viel Kraft und Nerven gekostet hat.
Rechtliche Verankerung gibt beiden Seiten Sicherheit. Die Festschreibung als kulturelle Anlage schützt den Betreiber vor Verdrängung und gibt der Projektentwicklung Klarheit über die Rahmenbedingungen. Das ist die Grundlage für ein belastbares Zusammenspiel von öffentlicher Hand, Projektentwicklung und Szene.
Planungssicherheit ist nicht dasselbe wie wirtschaftliche Sicherheit. Auch mit dem passenden Status bleibt der Betrieb eines solchen Hauses wirtschaftlich anspruchsvoll. Die Stadt hat den jährlichen Kulturzuschuss für die halle02 2016 sogar mit Wirkung ab 2018 gestrichen, das Haus trägt sich seither ohne diese Förderung. Wer Clubs als Stadtbausteine will, muss diese zweite Ebene mitdenken, sonst sichert man die Hülle und verliert den Inhalt.
Kein Einzelfall: was andere Städte zeigen
Heidelberg ist mit dieser Erfahrung nicht allein. In mehreren Städten sind Clubs und Kulturorte zu prägenden Bausteinen neuer Quartiere geworden, mal geplant, mal erkämpft, mal beides.
In Berlin ist aus der legendären Bar25, einem Technoclub auf einer Spreebrache, nach deren Räumung 2010 das genossenschaftliche Stadtquartier Holzmarkt25 entstanden. Statt das Grundstück meistbietend zu verkaufen, sicherten die früheren Zwischennutzer es über ein Genossenschafts- und Erbbaurechtsmodell und bauten daraus ein dauerhaftes Quartier, das bis heute von Clubkultur geprägt ist und sich zugleich zur Stadt öffnet. Das gilt bundesweit als Musterfall nutzergetragener Stadtentwicklung.
In Stuttgart liegen die Wagenhallen, ein Kulturort in alten Eisenbahnhallen, mitten im entstehenden Stadtteil Rosenstein auf ehemaligem Bahngelände. Ein langfristiger Mietvertrag zwischen Stadt und der gemeinnützigen Trägergesellschaft gibt Planungssicherheit, und der städtebauliche Siegerentwurf schreibt die kreative Geschichte des Ortes als „Maker City“ bewusst fort. Die Parallelen zur Bahnstadt sind auffällig, bis hin zur früheren Bahnnutzung des Geländes.
In München ist auf dem früheren Pfanni-Gelände, das über Jahre als Kunstpark Ost und Kultfabrik eines der größten Ausgehareale Europas war, das Werksviertel-Mitte entstanden. Nachtleben und Clubkultur wurden hier bewusst in die Planung übernommen, das Quartier wurde 2023 mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet. Ehrlich ist aber auch, dass ein großer Teil der alten Szene im Zuge der Entwicklung verdrängt wurde.
Ein Club, der vor dem Viertel da war
Der rote Faden dieser Beispiele ist klar. Ein Club, der vor einem neuen Quartier da ist, kann zu dessen Identität werden, wenn man ihn früh genug als festen Bestandteil begreift und nicht als Restposten, den man später wegplant. Die halle02 ist dafür ein Erfolgsbeispiel. Sie war Jahre vor den ersten Bewohnern da, hat einer Industriebrache Leben gegeben und prägt heute das Gesicht eines Stadtteils, der ohne sie deutlich blasser wäre. Was als Provisorium begann, ist zum identitätsstiftenden Anker der Bahnstadt geworden.
Das ist keine Selbstverständlichkeit, und es war auch in Heidelberg kein gerader Weg. Aber es lohnt sich, den Gedanken umzudrehen. Ein bestehender Kulturort ist für ein neues Quartier kein Problem, das man lösen muss, sondern ein Startvorteil, den man nutzen sollte. Er bringt von Tag eins Publikum, Aufmerksamkeit und ein unverwechselbares Profil mit, lange bevor die erste Wohnung bezogen ist.
Bundesweit wächst die Chance, dass so etwas gelingt. Clubs werden zunehmend als Kulturorte statt als Vergnügungsstätten anerkannt, baurechtlich hat sich einiges bewegt, weitere Schritte stehen aus. Heidelberg entwickelt mit dem Patrick-Henry-Village bereits das nächste große Quartier, und die Erfahrung mit der halle02 gehört zu dem, was man dabei mitnehmen kann. Wenn Stadt, Projektentwicklung und Szene einen vorhandenen Kulturort früh sichern, statt ihn erst unter Druck zu verteidigen, wird aus einem geduldeten Rest ein tragender Baustein. Das ist die eigentliche Lehre aus der Bahnstadt.
Quellen
- Felix Grädler: Bahnstadt Heidelberg, ein Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung? Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg, 11. Februar 2021. https://www.boell-bw.de/de/2021/02/11/bahnstadt-heidelberg-ein-vorbild-fuer-nachhaltige-stadtentwicklung
- halle02: Wir (Philosophie und Geschichte). https://www.halle02.de/wir/
- 15 Jahre halle02, Jubiläumspublikation mit Pressespiegel 2002 bis 2017 (u. a. Rhein-Neckar-Zeitung und Mannheimer Morgen).
- Holzmarkt 25, Berlin. https://www.holzmarkt.com/das-holzmarktquartier sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Holzmarkt_25
- Quartier C1 Wagenhallen, Stuttgart Rosenstein. https://www.iba27.de/iba27-projekt-quartier-c1-wagenhallen-stuttgart/ sowie https://www.stuttgart.de/leben/stadtentwicklung/stuttgart-rosenstein
- Werksviertel-Mitte, München. https://de.wikipedia.org/wiki/Werksviertel sowie https://www.muenchen.de/freizeit/werksviertel-mitte
- Distillery, Leipzig. https://de.wikipedia.org/wiki/Distillery_(Club) sowie https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Distillery-Leipzig-Libero-Architekten-4327910.html