Wer nach Dänemark in den Urlaub fährt, kann einfach Strand, Softeis und die entspannte Atmosphäre genießen. Ich ertappe mich trotzdem jedes Jahr dabei, dass ich irgendwann anfange, auf etwas anderes zu achten.
Wie funktioniert diese Stadt eigentlich? Warum fühlt sich hier so vieles unkompliziert an? Und warum bekommen wir das bei uns nicht genauso hin?
Dieses Jahr sind mir wieder fünf Dinge aufgefallen. Nicht alles davon lässt sich eins zu eins nach Heidelberg übertragen. Aber hinter allen fünf steckt am Ende dieselbe Frage, und die nehme ich dieses Mal mit nach Hause.
1. Zeigt uns, was Häuser wirklich kosten
Das hat mich diesmal besonders beschäftigt: In Dänemark kann jeder nachschauen, zu welchem Preis eine Immobilie tatsächlich verkauft wurde. Nicht der Preis aus dem Immobilienportal, nicht die Vorstellung des Maklers, sondern der echte Verkaufspreis.
Seit Januar 2010 dürfen diese Preise über das öffentliche Informationssystem OIS veröffentlicht werden. Davor galt dafür ein Verbot. Heute ist die Einsicht so selbstverständlich, dass sie ganz normal zur Beobachtung des Immobilienmarktes genutzt wird.
Warum finde ich das spannend? Weil ein Markt besser funktioniert, wenn nicht eine Seite deutlich mehr weiß als die andere.
Wer bei uns ein Haus für die Familie sucht, sieht jede Menge Angebotspreise. Ob das Haus am Ende für 650.000, 700.000 oder 780.000 Euro verkauft wurde, erfährt man normalerweise nicht. Dabei kennt der Staat diese Zahlen längst.
Ich könnte mir deshalb auch für Deutschland eine öffentliche Kaufpreisdatenbank vorstellen. Ohne Namen von Käufern und Verkäufern, aber mit den tatsächlichen Transaktionspreisen und ein paar sinnvollen Angaben zum Objekt. Das wäre Verbraucherschutz durch Transparenz. Und ganz nebenbei würde es Preisblasen, überzogene Vorstellungen und die tatsächliche Entwicklung unserer Städte sichtbar machen.
Mein Maßstab dafür wäre einfach: Weiß die Familie, die kauft, am Ende genauso viel wie die, die verkauft?
2. Die Stadt aus der Perspektive eines Kindes bauen
Als Familienvater fällt mir in Dänemark immer wieder auf, wie selbstverständlich Kinder Teil des öffentlichen Raums sind. Daraus lässt sich ein ziemlich einfacher Maßstab für Kommunalpolitik ableiten: Kann ein Kind sich hier selbstständig bewegen?
Kann es mit dem Fahrrad zur Schule? Kann es eine Straße sicher überqueren? Gibt es Plätze, auf denen Kinder sein dürfen, ohne dass sie konsumieren müssen? Trauen Eltern sich, ihre Kinder irgendwann allein losziehen zu lassen?
Wir diskutieren Verkehrspolitik in Deutschland häufig als Glaubenskrieg zwischen Auto und Fahrrad. Vielleicht sollten wir sie häufiger aus Sicht eines Zehnjährigen betrachten. Eine Stadt, in der Kinder selbstständig unterwegs sein können, ist fast automatisch auch eine bessere Stadt für ältere Menschen, für Fußgänger und für Menschen mit Behinderung.
Mein dänischer Urlaubsmaßstab für die nächste kommunale Verkehrsdebatte wäre deshalb ziemlich simpel: Würde ich mein eigenes Kind hier allein fahren lassen?
Wenn die Antwort Nein lautet, haben wir noch Arbeit vor uns.
3. Pfand muss so einfach sein, dass man gar nicht darüber nachdenkt
Deutschland hat das Pfand nicht erfunden, aber wir haben eine besondere Begabung dafür entwickelt, selbst einfache Systeme kompliziert wirken zu lassen.
In Dänemark gefällt mir die Konsequenz des Systems. Es gibt mehrere Tausend Rückgabestellen für Pfandflaschen und Dosen, und 2024 wurden 93 Prozent der pfandpflichtigen Gebinde zurückgegeben, ein Prozentpunkt mehr als im Jahr davor.
Die eigentliche Lektion dahinter ist für mich aber größer als die Getränkedose: Gute Umweltpolitik muss bequem sein. Menschen sollten nicht jeden Morgen mit dem festen Vorsatz aufstehen müssen, heute besonders nachhaltig zu leben. Das bessere System macht die nachhaltige Entscheidung zur einfachsten Entscheidung.
Das gilt auch kommunal: Mülltrennung im öffentlichen Raum, sichere Fahrradabstellplätze, Mehrwegsysteme bei Veranstaltungen, Sharing-Angebote, Recyclinghöfe. Wir reden in der Umweltpolitik manchmal sehr viel über individuelles Verhalten. Dänemark erinnert mich daran, stärker über die Infrastruktur nachzudenken, die dieses Verhalten überhaupt erst einfach macht.
Mein Maßstab: Ist die umweltfreundliche Entscheidung bei uns auch die bequemste? Oder muss man sie sich jedes Mal aufs Neue vornehmen?
4. Nachtleben ist nicht das Gegenteil von Stadtentwicklung
Diesen Punkt sehe ich natürlich mit einer gewissen beruflichen Vorbelastung.
In Deutschland behandeln wir Clubs und Nachtleben kommunal häufig zuerst als Problem: Lärm, Beschwerden, Sperrzeiten, Sicherheit. Das sind reale Themen. Aber Nachtleben ist eben auch Kultur, Wirtschaft, Begegnung und Stadtidentität.
Spannend finde ich deshalb, dass Kopenhagen Nachtleben ausdrücklich als kommunalpolitisches Thema behandelt. In der Planung der Stadt geht es gleichzeitig um Sicherheit, um Lärm, um Kultur, um ein Nachtleben für unterschiedliche Menschen und sogar um ein „grüneres Nachtleben“. Das heißt ausdrücklich nicht, dass Clubs dort alles dürfen. Im Gegenteil, es gibt konkrete Lärmregeln, Kontrollen und Vorgaben.
Die Ausgangsfrage ist nur eine andere. Nicht nur: Wie verhindern wir Probleme durch Nachtleben? Sondern auch: Wie ermöglichen wir gutes Nachtleben?
Diese Perspektive wünsche ich mir häufiger in deutschen Städten, auch in Heidelberg. Eine lebendige Innenstadt besteht nicht nur aus Einzelhandel von 10 bis 19 Uhr. Junge Menschen brauchen Räume, Subkultur braucht Räume, Musik braucht Räume. Wenn wir diese Räume wollen, müssen wir sie stadtplanerisch ermöglichen, statt Clubs irgendwo entstehen zu lassen und zehn Jahre später Wohnungen direkt daneben zu bauen und überrascht einen Lärmkonflikt festzustellen.
Mein Maßstab: Planen wir Nachtleben von Anfang an mit? Oder verwalten wir es erst, wenn die erste Beschwerde da ist?
5. Kommunalpolitik darf schön sein
Der vielleicht am wenigsten messbare Punkt ist für mich trotzdem einer der wichtigsten.
In Dänemark habe ich häufig den Eindruck, dass öffentliche Räume nicht nur funktionieren, sondern dass jemand wollte, dass Menschen sich dort gerne aufhalten. Eine Bank steht nicht nur da, weil im Leistungsverzeichnis eine Bank vorgesehen war. Da gibt es einen Platz zum Sitzen, etwas für Kinder, die Fahrräder haben ihren Ort, vielleicht gibt es Wasser, Grün oder einen guten Übergang zur nächsten Straße.
Das klingt banal. Aber wir bauen in Deutschland erstaunlich häufig Orte, bei denen sämtliche Vorschriften eingehalten wurden und sich hinterher trotzdem niemand freiwillig länger aufhalten möchte.
Vielleicht sollten wir bei kommunalen Projekten deshalb neben Kosten, Stellplätzen, Verkehrsmengen und DIN-Normen noch eine Frage stellen: Würden wir uns hier an einem Sommerabend freiwillig eine Stunde hinsetzen?
Wenn nicht, sollten wir noch einmal über den Entwurf reden.
Was ich aus Dänemark mitnehme
Natürlich ist Dänemark kein kommunalpolitisches Disneyland. Auch dort gibt es Wohnungsmangel, Streit um Verkehr, Lärmkonflikte, steigende Immobilienpreise und Bürokratie. Kopenhagen reguliert sehr konkret, wann und wo Veranstaltungen stattfinden dürfen und wie mit Lärmbeschwerden umgegangen wird.
Darum geht es mir auch nicht. Was ich aus dem Urlaub mitnehme, ist eher eine Haltung:
Transparenz statt Informationsvorsprung. Selbstständigkeit statt Elterntaxi. Einfache Systeme statt moralischer Appelle. Nachtleben als Teil der Stadt statt als Störfall. Und öffentliche Räume, in denen man nicht nur durchkommt, sondern bleiben möchte.
Fünf ziemlich unterschiedliche Beobachtungen. Aber hinter allen steckt dieselbe Frage:
Was wäre, wenn wir unsere Städte weniger danach bauen würden, was funktioniert, und mehr danach, wie wir eigentlich darin leben wollen?
Das ist jedenfalls die Frage, die ich dieses Jahr aus Dänemark mit nach Hause nehme.