Braucht die Livemusik staatliche Hilfe?
Was auf den ersten Blick nach Erfolg aussieht (ausverkaufte Stadien, Rekord-Live-Umsätze der GEMA), entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Schieflage, denn die „kleinen“ Künstler*innen, Spielstätten und Labels stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand[2][3]. Die Kluft im Musikökosystem wird immer größer: Während Mega-Events boomen, droht an der Basis ein kultureller Substanzverlust.
Explodierende Kosten und sinkende Vielfalt
Nach der Pandemie sind Live-Touren für viele Acts schlicht unbezahlbar geworden.
Pretty much every cost attached to touring – van hire, crew, travel, accommodation, food – has gone up, while fees and audiences often have not,
berichtet David Martin von der Featured Artists Coalition in Großbritannien[4]. Eine „Cost-of-Touring“-Krise hat eingesetzt: Live-Auftritte werden zum Verlustgeschäft – sofern sich die Künstler*innen Tourneen überhaupt noch leisten können[5]. Selbst Acts, die auf dem Papier etabliert scheinen (Plattenvertrag, Radio-Airplay, gute Kritiken), touren oft mit Defizit und leben am Existenzminimum.
Mitglieder der britischen Band English Teacher etwa geben trotz Labelvertrag und TV-Auftritten zu Protokoll:
ein erfolgreicher Gig für uns heißt, wir haben genug Merchandise verkauft, um beim Lebensmitteleinkauf nicht zu hungern[6].
Vier Jahre nach Bandgründung haben sie noch nie Gewinn aus einer Tour mit nach Hause genommen[6].
Auch in Deutschland ist die Lage kritisch. Pamela Schobeß, Betreiberin des Berliner Clubs Gretchen und Vorstandsmitglied der LiveKomm, erklärt, man habe Newcomer bislang durch Einnahmen aus gut laufenden Partys quersubventioniert:
Mittlerweile bleibt jedoch nicht mehr genügend Geld übrig, da die Kosten so in die Höhe geschossen sind.
Weder durch höhere Eintritts- noch Getränkepreise lasse sich das auffangen, weil auch beim Publikum das Geld knapper sitzt[7]. Immer öfter müssen kleine Clubs bereits angekündigte Konzerte absagen,
weil wir nicht genügend Tickets verkaufen und sonst zu viel Geld verlieren würden. Selbst unter Zahlung von Ausfallhonoraren ist der Verlust geringer als ein halb-leerer Konzertabend, für den wir lediglich 50 Tickets verkauft haben. Die Möglichkeit, solche Shows durch andere Einnahmen zu querfinanzieren, ist erschöpft, wir können sowas nicht mehr selbst subventionieren.
so Schobeß[8].
Die Konsequenz dieser Entwicklung ist alarmierend:
Wenn kleine Clubs schließen, gibt es keine Bühnen mehr für den Nachwuchs – junge Künstler:innen können sich nicht mehr ausprobieren oder professionalisieren. Das wird zu mangelnder Diversität in der Branche führen
warnt Schobeß[9].
Genau dieser Fall tritt aktuell ein: Clubsterben und Konzertabsagen bedeuten weniger Vielfalt und fehlenden Nachwuchs – während zeitgleich die großen Namen immer größere Stadien füllen.
Ursachen: Teuerung, Publikumsschwund und Monopolstrukturen
Mehrere Faktoren tragen zur Krise der Livemusik bei. Erstens explodieren die Kosten: Inflation bei Mieten, Energie und Personal, teurere Produktionskosten für Bühnen, Technik und Logistik. Nach zwei pandemiebedingten Nulljahren stehen viele Veranstalter finanziell auf dünnem Eis; zugleich haben sich Fixkosten stark erhöht, vom Nightliner-Bus bis zum Catering[4]. Viele Fachkräfte haben der Veranstaltungsbranche den Rücken gekehrt, was Engpässe verursacht und Gagen in die Höhe treibt – selbst Top-Acts mussten Tourshows absagen, weil Crew-Mitglieder fehlten[10][11]. Zweitens hat sich das Publikumsverhalten verändert: Gerade das ältere Stammpublikum kehrt nach Corona zögerlicher in die Clubs zurück, während jüngere Fans sich angesichts gestiegener Lebenshaltungskosten genau überlegen, für welche Konzerte sie ihr knappes Geld ausgeben[12]. Wenn Tickets immer teurer werden und oft auch Reise- und Unterkunftskosten für überregionale Events anfallen, leistet man sich als Durchschnittsfan nicht mehr mehrere Gigs im Monat, sondern vielleicht nur noch ein Großkonzert im Halbjahr – und wählt dann in der Regel das Event mit dem größten „Must-See“-Hype[13]. Kleinere Acts schauen in die Röhre.

Drittens verstärken marktbeherrschende Strukturen die Schieflage. Die Live-Branche ist zunehmend monopolisiert: Konzertriesen kontrollieren Tourneen und Ticketverkauf im großen Stil. Branchenbeobachter*innen klagen, Ticketanbieter trieben Gebühren künstlich in die Höhe[14], was am Ende Fans und kleinen Veranstalter:innen gleichermaßen schadet. In den USA läuft bereits eine Kartellklage gegen Ticketmaster wegen mutmaßlichen Marktmissbrauchs; es wird sogar diskutiert, den Konzern zu zerschlagen[15][16]. Die Dominanz weniger Großakteure führt dazu, dass immer mehr Kapital bei immer weniger Playern hängen bleibt –
immer mehr Kapital wandert zu immer weniger Akteuren,
wie Popkolumnistin Aida Baghernejad es formuliert[17]. Die Populärkultur droht sich in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu verwandeln: exklusive Live-Erlebnisse großer Stars für die, die es sich leisten können, versus erschwingliche, aber seelenlose Standard-Events (oder Streaming-Angebote) für den Rest[18][19]. So entsteht ein Teufelskreis: Weniger Mittel und Aufmerksamkeit für die Subkultur bedeuten weniger Vielfalt – was langfristig auch den Mainstream austrocknet, denn heutige Stadion-Acts wie die Rolling Stones oder Radiohead haben alle mal klein angefangen[20].
Kulturauftrag: Warum Politik und Branche jetzt gefragt sind
Angesichts des Marktversagens mehren sich die Stimmen, dass die Politik einschreiten muss, um die Grundlagen der Livekultur zu retten.
When you’re touring Europe, you realise how much state funding in the arts there is. It really needs more state funding and support from the top down,
betont der britische Musiker Tom Excell von Nubiyan Twist[21]. In vielen europäischen Nachbarländern sind staatliche Förderungen für Clubs, Tourneen oder Exportförderungen (etwa über Kulturfonds) längst etabliert – und auch in Deutschland wird Popmusik inzwischen als förderwürdige Kultur anerkannt. So erklärte Kulturstaatsministerin Claudia Roth bereits 2022:
Auch Pop ist Kultur und verdient Unterstützung.
Fachleute fordern, die Regierung müsse Ausgaben für die Musikbranche als Investition betrachten, nicht als bloße Kosten[22]. Schließlich hängen an einem florierenden Live-Sektor Arbeitsplätze (Techniker:innen, Booker:innen, lokale Gastronomie etc.), und eine vielfältige Clubszene ist ein weicher Standortfaktor für Städte und Gemeinden.
Allerdings steht auch die Branche selbst in der Pflicht. Die zentrale Frage lautet: Soll die Rettung der Livemusik von oben verordnet werden – oder kann die Branche solidarisch eigene Lösungen finden, bevor es gesetzliche Eingriffe braucht? In Großbritannien hat das Parlament Anfang 2024 einen Bericht zu Grassroots Music Venues vorgelegt, der eine Ticket-Abgabe auf Großkonzerte zugunsten kleiner Locations empfiehlt[23]. Die Regierung von Premier Rishi Sunak unterstützt diese Empfehlung ausdrücklich: Kulturminister Sir Chris Bryant rief die Live-Musikindustrie im November 2024 auf, freiwillig einen so genannten Levy („Solidarbeitrag“) auf Arena- und Stadion-Tickets einzuführen[24]. Damit sollen Einnahmen der größten Shows zu einem kleinen Teil an die Basis zurückfließen, um kleine Venues, regionale Festivals, Nachwuchskünstler*innen und lokale Promoter*innen zu fördern[25][26]. Bryant betont, Großbritannien verdanke seinen weltweiten Musikruhm den kleinen Bühnen als „Backbone“ der £6,7-Milliarden-Musikindustrie, wo Stars wie Ed Sheeran, Adele oder Coldplay einst anfingen[27]. Ohne florierende Grassroots-Szene wird irgendwann auch der Spitze des Eisbergs der Nachschub fehlen[28]. Daher solle die Branche jetzt gemeinsam handeln, um „the health and future success of our entire live music industry“, zu sichern[29].
Die britische Regierung erwartet, dass die Branche bis 2025 einen solchen freiwilligen Ticketaufschlag umsetzt – und hat klargemacht, dass sie
die Umsetzung und Wirksamkeit eines freiwilligen Levy prüfen wird, bevor entschieden wird, ob weitere Schritte nötig sind[30].
Anders ausgedrückt: Sollte die Industrie keine ausreichenden Ergebnisse liefern, behält sich der Gesetzgeber vor, regulierend einzugreifen. Dieser politische Druck zeigt Wirkung: Branchenverbände wie LIVE UK arbeiten bereits an der “LIVE Trust”-Stiftung, um die Gelder eines freiwilligen Ticket-Levy einsammeln und verteilen zu können[31][32]. Erste große Acts handeln proaktiv: Coldplay und Sam Fender etwa haben angekündigt, einen Teil ihrer Tour-Einnahmen freiwillig in einen Grassroots-Fonds zu spenden[33]. Mark Davyd von der britischen Music Venue Trust begrüßt den Vorstoß als „Win-Win-Solution“ – Fans überall im Land behalten Zugang zu lokalen Gigs, und die „Talent Pipeline zu Arena-Level“ bleibt erhalten[34][35].
Solidaritätsfonds: „Von Großen für die Kleinen“
Auch in Deutschland ist die Idee eines branchengetragenen Solidarfonds angekommen. Beim Reeperbahn Festival 2025 wurde der Live Music Fund Germany offiziell vorgestellt, initiiert von der Bundesstiftung LiveKultur in Kooperation mit der LiveKomm (Verband der Musikspielstätten)[36]. Der Fonds, der zum 1. Januar 2026 startet, folgt dem einfachen Prinzip: „von den Großen für die Kleinen“. Geplant ist, bei jedem Ticketverkauf für ein Großkonzert einen kleinen Beitrag – etwa einen Euro – in einen Fonds fließen zu lassen, aus dem dann kleinere Konzertveranstalter Unterstützung erhalten[37]. So soll die Basis der Live-Musikkultur – kleine Clubs, Newcomer, unabhängige Veranstalter und Festivals – solidarisch abgesichert werden[38][39]. Die Idee trifft einen Nerv, wie die Tagesschau berichtete,
denn der Kulturbetrieb lebt vom Nachwuchs und von Vielfalt. Wenn aber die Basis wegbricht, […] steht irgendwann auch der Mainstream ohne Nachwuchs da[40].
Anders formuliert: Heute füllt vielleicht ein internationaler Superstar die Stadien – aber wer soll in zehn Jahren diese Superstars sein, wenn es heute keine kleinen Clubbühnen mehr gibt?[41][42]
Die Reaktionen aus Politik und Branche auf den angekündigten Fonds zeigen breite Zustimmung, aber auch Mahnungen. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda lobt, dass die Initiative aus der Branche heraus“ kommt – ein wichtiger Schritt, dem sich nun auch die großen Player anschließen müssten[43][44]. Sein Appell:
Wer heute von Superstars profitiert, muss helfen, die Basis zu sichern[45].
Gleichzeitig warnt er, man dürfe
„nicht über das Instrument streiten, sondern über das Problem“
– ob am Ende ein freiwilliger Fonds oder eine gesetzliche Abgabe steht, sei zweitrangig gegenüber dem Ziel, die massive Umverteilung zugunsten Weniger zu korrigieren[45]. Tatsächlich gibt es skeptische Stimmen, ob reine Freiwilligkeit genügt. Martin Rabanus, kulturpolitischer Sprecher der SPD, gibt offen zu:
Ich habe ein Problem mit reiner Freiwilligkeit – warum sollten große Player freiwillig abgeben? Es braucht klare Regeln und im Zweifel ein Gesetz.[46]
Auch andere verweisen darauf, dass man die „Großen in die Pflicht nehmen“ müsse – notfalls durch staatliche Vorgaben, falls die Solidarität der Marktführer ausbleibt[47][48]. Die LiveKomm selbst spricht von akutem Handlungsdruck: Der Verband hatte schon im Frühjahr 2024 vor „verheerendem Kostendruck“ und „kultureller Abrissbirne“ gewarnt und einen politischen Maßnahmenkatalog gefordert[49].

Fazit: Freiwilliger Folds als letzte Chance?
Der Markt allein wird das Problem kaum lösen – darin sind sich Brancheninsider und Kulturpolitiker*innen einig.
Mein Glaube daran, dass der Markt das allein regelt, ist gering. Wir müssen präventiv tätig werden und das Thema im Ausschuss auf die Agenda setzen – es ist besser, früh zu handeln, als später nur zu reagieren,
mahnte etwa der Bundestagsabgeordnete David Schliesing (Die Linke) im Kontext der Reeperbahn-Debatte[50]. Ohne Intervention droht eine Entwicklung, in der professionelle Musiker*innen zur „aussterbenden Spezies“ werden und die Live-Kultur verödet[51]. Die Politik signalisiert Bereitschaft zu handeln – von Direkthilfen (wie dem im UK bereits aufgelegten Supporting Grassroots Music Fund für kleinere Venues[52]) bis hin zu regulatorischen Eingriffen gegen übermächtige Konzerne. Allerdings wäre ein staatlicher Rettungsschirm für die Pop- und Clubkultur Neuland und politisch nicht unumstritten. Gerade deshalb ist die Initiative eines freiwilligen Fonds so bedeutsam: Sie bietet der Branche die Gelegenheit, Eigenverantwortung zu zeigen und die Verteilungsgerechtigkeit selbst mitzugestalten, bevor der Gesetzgeber eingreift.
Der Vorteil gegenüber einer staatlichen Zwangsabgabe ist: Wir können als Branche selbst austarieren, wohin die Gelder fließen – realitätsnah, solidarisch und nicht politisch getrieben,
betont Felix Grädler von der Bundesstiftung LiveKultur, Initiator des Live Music Fund[53]. Mit anderen Worten: Die Musikbranche kann durch kollektives Handeln ihre Zukunft aktiv sichern, ohne Fremdbestimmung von oben.
Noch ist der „Ticket-Soli“ kein allgemein verpflichtender Standard – weder in Großbritannien noch in Deutschland. Doch die Diskussion zeigt ein Umdenken: Kulturwirtschaft und Politik erkennen, dass die Wertschöpfung aus den großen Events zu einem Teil reinvestiert werden muss, will man das Fundament der Musikszene erhalten. Es geht letztlich um die berühmte „Talent Pipeline“: Heute unbekannte Künstler und kleine Clubs sind die Grundlage für die Stars und Festivals von morgen. Versiegt diese Quelle, sägt sich die Musikindustrie langfristig am eigenen Ast. Ein Solidarfonds – ob freiwillig oder gesetzlich verankert – kann eine Brücke bauen, um die Lücke zwischen Top und Basis zu schließen. Die Zeit drängt, denn viele Veranstalter*innen und Musiker*innen stehen jetzt schon vor dem Aus. Bevor der Vorhang für die Kleinen endgültig fällt, ist gemeinsames Handeln gefragt[54]. Die Politik sollte bereit sein einzugreifen, wenn der Markt versagt – doch idealerweise beweist die Branche selbst genug Weitsicht und Solidarität, um die Live-Kultur aus eigener Kraft zu stabilisieren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Schulterschluss gelingt. Fest steht: Pop und Live-Musik als lebendige Kulturform werden nur überleben, wenn die Basis gestärkt wird – notfalls mit staatlicher Stütze[18][55]. Aber je eher die Musikbranche selbst Verantwortung übernimmt, desto mehr kann sie ihre kreative Autonomie bewahren, bevor der Gesetzgeber eingreifen muss.
Quellen:
Die Ausführungen stützen sich auf Beiträge von Valerie Trebeljahr (BR Zündfunk)[2][3], Aida Baghernejad (Musikexpress)[14], Daniel D. Wray (The Guardian)[4][21], Berichte aus RND/Tagesschau[37][40], Pressemitteilungen der britischen Regierung[26][30] sowie Stimmen von Branchenvertretern (LiveKomm, Music Venue Trust u.a.)[45][53]. Sie zeichnen ein einhelliges Bild: Ohne neue Modelle der Solidarität – und notfalls politisches Eingreifen – gerät die vielfältige Musiklandschaft in Gefahr.
[1] [4] [5] [6] [12] [21] [22] ‘The working class can’t afford it’: the shocking truth about the money bands make on tour | Music | The Guardian
[2] [3] [18] [19] [20] [55] forum.eu | Der Pop ist in Gefahr!
[7] [8] [9] [49] [51] Live-Musik nicht mehr zu finanzieren…| Jazz-Manouche.de |
[10] [11] Konzert- und Festivalkrise? Sieben Probleme der Livemusik-Branche
[13] [14] [15] [16] [17] Taylor Swift und Beyoncés Touren lassen Subkulturen härter kämpfen
[23] Industry reacts as MPs recommend ticket levy on arenas and … – NME
[24] [25] [26] [27] [28] [29] [30] [31] [32] [33] [34] [35] [52] Minister urges live music industry to introduce voluntary ticket levy to protect grassroots venues | Department for Culture, Media and Sport | Official Press Release
[36] [38] [39] [41] [42] [43] [44] [45] [46] [47] [48] [50] [53] Startschuss für den Live Music Fund Germany beim Reeperbahn Festival – LiveMusikKommission – Verband der Musikspielstätten in Deutschland e.V.
[37] [40] [54] tagesschau Bericht: Musikbranche unter Druck – Hilfsfond für kleine Konzerte