& wie wir das ändern können
Die unsichtbare Hürde: Warum Clubkultur oft durchs Raster fällt
Das Problem liegt nicht nur in einer bewussten Ablehnung von Clubkultur, sondern in den strukturellen Gegebenheiten der Kulturpolitik:
- Kommunale Kulturausschüsse und Fördertöpfe werden häufig von älteren, akademisch gebildeten und finanziell abgesicherten Menschen verwaltet.
- Besonders auffällig: Es sind oft ältere, gut situierte Menschen aus dem Bildungsbürgertum, die in diesen Ausschüssen dominieren. Viele von ihnen engagieren sich seit Jahrzehnten in der Kulturpolitik und setzen sich stark für klassische Kulturformen ein – jedoch meist mit wenig Bezug zu Subkultur, Clubmusik oder alternativen Kunstformen.
- Kommunale Kulturpolitik ist weitgehend ehrenamtlich organisiert. Das bedeutet, dass sich hauptsächlich Menschen engagieren können, die genug Zeit und finanzielle Sicherheit haben, um unbezahlt politische Verantwortung zu übernehmen. Junge Menschen, Kulturschaffende oder berufstätige Clubbetreiber:innen fehlen dadurch oft in diesen Strukturen.
- Die Förderstrukturen sind auf klassische Kulturformate ausgelegt, mit langen Antragsverfahren und bürokratischen Hürden, die für flexible, dynamische Kulturprojekte oft nicht zu überwinden sind.
- Junge Kulturformen – von Clubkultur über Street Art bis hin zu digitaler Kunst – haben kaum institutionelle Lobby.
Das führt dazu, dass Clubkultur nicht bewusst bekämpft, aber systematisch übersehen wird.
Warum wird in Deutschland seit fast 60 Jahren vor allem Hochkultur gefördert?
Die einseitige Förderung der Hochkultur durch Kommune, Land und Bund hat historische, gesellschaftliche und politische Gründe:
1. Kulturelles Erbe und Bildungsideal
Deutschland hat eine lange Tradition in klassischer Musik, Theater und bildender Kunst. Die staatliche Förderung war jahrzehntelang auf das Bildungsbürgertum und das Ideal einer „Kulturnation“ ausgerichtet. Werke von Wagner, Goethe und Beethoven gelten als nationale Aushängeschilder – sie wurden (und werden) bewusst als identitätsstiftend für Deutschland gefördert.
2. Institutionelle Strukturen
Opernhäuser, Theater und Museen werden oft staatlich oder kommunal getragen und haben über Jahrzehnte feste Budgets erhalten. Sub- und Clubkultur hingegen war lange Zeit auf private Initiativen oder vorübergehende Projekte angewiesen. Diese strukturelle Ungleichheit besteht bis heute und sorgt dafür, dass klassische Hochkultur stabil finanziert wird, während alternative Kulturformen um Mittel kämpfen müssen.
3. Kulturelle Legitimität
Hochkultur wurde als „wertvoll“ für die Gesellschaft betrachtet, während Sub- und Clubkultur lange als „vergänglich“ oder „kommerziell“ galt. Dies hat sich erst langsam geändert – etwa mit der Anerkennung der Berliner Clubkultur als immaterielles Kulturerbe. Doch in vielen Städten und Gemeinden gilt Clubkultur nach wie vor nicht als förderfähige Kulturform.
4. Fehlender politischer Druck
Lobbygruppen für klassische Kultur sind stark organisiert (z. B. Deutsche Orchestervereinigung, Theaterverbände). Sie haben über Jahrzehnte politischen Einfluss ausgeübt und ihre Förderungen gesichert. Subkultur hingegen hatte es schwerer, sich als gesellschaftlich wertvoll darzustellen, da sie oft dezentral organisiert ist und keine große institutionelle Lobby besitzt.
Sind diese Förderkriterien heute noch begründbar?
Nein, zumindest nicht mehr im bisherigen Umfang. Kulturpolitik sollte alle kulturellen Ausdrucksformen berücksichtigen, da sie gleichermaßen zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen. Sub- und Clubkultur sind oft inklusiver, innovativer und relevanter für junge und diverse Gesellschaften. Eine Neuverteilung der Gelder wäre daher nicht nur gerecht, sondern auch zeitgemäß.
Warum Clubkultur Förderung braucht
Clubs sind nicht nur Orte des Feierns – sie sind wichtige Kulturstätten:
- Musikalische Innovation: Techno, House, Hip-Hop und andere Genres entwickeln sich hier ständig weiter.
- Soziale Räume mit persönlichkeitsbildender Funktion: Clubs sind mehr als Orte zum Tanzen – sie sind Orte des sozialen Austauschs, der Selbstfindung und der Identitätsbildung. Sie bieten einen Raum, in dem Menschen neue Erfahrungen machen, sich selbst in einem kreativen und offenen Umfeld ausprobieren und ihr Zugehörigkeitsgefühl zu einer Szene oder Community entwickeln können. Besonders für junge Menschen kann Clubkultur ein prägendes Element der eigenen Persönlichkeit und des sozialen Verständnisses sein.
- Wirtschaftlicher Faktor: Clubkultur schafft Arbeitsplätze, belebt Städte und zieht Touristen an.
Trotzdem sind Clubs oft mit steigenden Mieten, hohen Lärmschutzauflagen und fehlender institutioneller Unterstützung konfrontiert. Viele mussten nach der Pandemie schließen – während klassische Hochkultur vergleichsweise großzügig unterstützt wurde.
Das liegt nicht nur an der Bürokratie, sondern auch daran, wer die Entscheidungen innerhalb der kommunalen Kulturpolitik trifft.
Viele Ausschüsse bestehen aus Menschen, die mit Sub- bzw. Clubkultur wenig anfangen können und in einem anderen kulturellen Umfeld sozialisiert wurden. Wenn Oper, Theater und klassische Musik die persönliche Kulturgeschichte dieser Entscheider:innen prägen, ist es kein Wunder, dass Fördermittel dorthin fließen – während elektronische Musik und alternative Kulturkonzepte durchs Raster fallen.
Wie wir das System ändern können – konkrete Lösungsansätze
1. Junge Kulturformen gezielt in Fördersysteme integrieren
- Spezielle Fördertöpfe für Clubkultur, Festivals und Subkultur schaffen.
- Mikroförderungen mit einfachen Anträgen, damit kleine Initiativen eine Chance haben.
- Städte als Kulturpartner von Clubs begreifen, ähnlich wie bei Theatern oder Museen.
2. Politische Mitbestimmung verjüngen
- Feste Sitze für junge Kulturschaffende in Kulturausschüssen.
- Beratende Gremien aus Clubbetreiber:innen und Musikschaffenden, um realistische Entscheidungen zu treffen.
- Offene Formate, bei denen junge Kulturakteur:innen direkt Input geben können.
3. Strukturen für ehrenamtliche Kulturpolitik öffnen
- Finanzielle Unterstützung für ehrenamtliche Kulturpolitik, damit auch junge Menschen und Berufstätige sich engagieren können.
- Vereinfachte Zugangsmöglichkeiten für Kulturschaffende in Gremien und Entscheidungsprozessen.
- Bezahlte Kulturbeiräte oder fest verankerte Arbeitsgruppen für Subkultur und Clubkultur.
4. Räume für Clubkultur sichern
- Leerstand als temporäre Club- und Kulturflächen nutzbar machen.
- Lärmschutz und Stadtentwicklung anpassen, damit Clubs nicht aus Innenstädten verdrängt werden.
- Kooperationen mit Kommunen zur langfristigen Sicherung von Clubstandorten.
5. Bürokratie abbauen und Clubkultur als Kultur anerkennen
- Clubkultur als förderfähige Kulturform auf Landes- und Bundesebene anerkennen.
- Niedrigschwellige Förderung und rechtliche Sicherheit für Clubs (ähnlich wie in Berlin mit der Anerkennung als Kulturräume).
- Innovationsförderung für Clubs, die nachhaltige oder integrative Konzepte umsetzen.
Fazit: Clubkultur verdient Anerkennung und Unterstützung
Solange Kulturpolitik vor allem von älteren, ehrenamtlichen bildungsbürgerlichen Milieus – , die klassische Kultur bevorzugen – dominiert wird, bleibt Clubkultur strukturell benachteiligt.
Die Tatsache, dass Kulturpolitik oft ehrenamtlich organisiert ist, verstärkt dieses Problem noch: Wer wenig Zeit oder finanzielle Absicherung hat, kann sich nicht einfach in diesen Strukturen engagieren – und das sind oft genau die Menschen, die neue Kulturformen vertreten würden.
Doch Clubs sind genauso Kultur wie Theater und Oper – und es wird Zeit, dass sie auch als solche behandelt werden.
Mit gezielter Förderung, politischer Beteiligung junger Kulturakteure, einer Öffnung der ehrenamtlichen Strukturen und flexibleren Finanzierungsmodellen kann sich das ändern. Denn eine lebendige Clubkultur ist nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern ein essenzieller Bestandteil einer modernen, offenen Gesellschaft.
Die Frage ist nicht, ob Clubkultur Kultur ist – sondern, wann die Politik es endlich versteht.
Quellen:
- Bericht: Vielfalt sucht Repräsentation – Amts- und Mandatsträger*innen in der Kommunalpolitik
- Studie: Wer kommt in Baden-Württemberg in den Gemeinderat
- Studie: Stadträte überaltert
- Bericht: Engagiert vor Ort – Wege und Erfahrungen von Kommunalpolitikerinnen
- Bericht: Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik
- Artikel: Kulturelle Vielfalt