Große Bühnen sind wichtig – und meist (indirekt) öffentlich getragen
Bevor ein Missverständnis entsteht: Ich bin ausdrücklich nicht dagegen, dass große Spielstätten wie Stadthallen, Open-Air-Arenen oder traditionsreiche Konzerthäuser öffentlich unterstützt werden. Diese Orte sind essenziell – als kulturelle Leuchttürme, als Magneten für internationale Acts, als identitätsstiftende Räume für Städte und Regionen. Dass Kommunen, Länder oder öffentlich-rechtliche Träger in ihre Infrastruktur investieren, ist richtig, wichtig und sinnvoll.
Aber: Wir müssen auch ehrlich benennen, was diese Unterstützung bedeutet.
Viele der größten Konzertlocations Deutschlands sind in öffentlicher Hand oder werden durch öffentliche Mittel getragen – darunter:
- Waldbühne Berlin – im Eigentum des Landes Berlin, verpachtet an private Betreiber
- Freilichtbühne Stadtpark Hamburg – auf städtischem Gelände, Infrastruktur durch Bezirksamt unterstützt
- Olympiahalle München – betrieben von der Olympiapark GmbH, einer 100 %igen Tochtergesellschaft der Stadt München
- RuhrCongress Bochum – städtisch finanzierte Mehrzweckhalle für große Tourproduktionen
- Zitadelle Spandau (Berlin) – historische Festungsanlage in kommunalem Besitz, Spielort für das Citadel Music Festival
Selbst wenn ein großer Veranstalter formal privatwirtschaftlich arbeitet, profitiert er oft erheblich von indirekten Subventionen – der Nutzung städtischer Flächen, technische Infrastruktur, oder Sponsoring durch öffentliche Unternehmen. All das reduziert Produktionskosten und senkt wirtschaftliches Risiko – ohne dass es in der Förderstatistik auftaucht.
Kleine Veranstalter: Mehr Risiko, weniger Rückhalt
Ganz anders sieht es bei den vielen kleinen, unabhängigen Veranstaltern und Venues aus, die das Rückgrat unserer musikalischen Vielfalt bilden. Sie betreiben Clubs, mittlere Hallen oder hybride Kulturorte – ohne öffentliche Trägerschaft, ohne Infrastrukturzuschüsse, ohne Sicherheitspuffer. Sie finanzieren sich über Tickets, Gastronomie und teils prekäre Honorare – und stemmen dabei ein unverzichtbares kulturelles Angebot.
Die Zahlen zeigen die Schieflage klar:
- Kleine Clubs und Hallen (<1.000 m²) zahlen im Schnitt 16,5 % ihrer Gesamtkosten für Miete und Nebenkosten – das entspricht rund 124 Mio. € jährlich.
- Große Konzertveranstalter geben laut aktueller Analyse nur 4,1 % ihrer Kosten für Mieten aus – obwohl sie ein vielfach größeres Marktvolumen bewegen.
Fazit: Die kleinen tragen überproportional hohe Raumkosten, während große Anbieter auf öffentlich subventionierter Infrastruktur arbeiten. Das Resultat: die größten Risiken treffen ausgerechnet die, die das meiste kulturelle Risiko tragen.
Und dann sollen sie auch noch die Zukunft sichern
Besonders bitter: Gerade die kleinen Veranstalter sollen gleichzeitig die kulturelle Basisarbeit leisten. Sie machen neue Künstler*innen sichtbar, fördern lokale Talente, schaffen Räume für Genres abseits des Mainstreams – all das für ein Publikum, das (noch) nicht in Massen kommt.
Es ist eine Doppellast: Volles Risiko, minimale Förderung – aber maximale kulturelle Erwartung.
Es braucht mehr Transparenz – und endlich strukturelle Förderung
Wir brauchen keine Neiddebatte, sondern eine faire Analyse. Ja, große Veranstaltungsorte sollen weiterhin öffentlich unterstützt werden – aber wir müssen auch offen sagen, dass es ohne diese Unterstützung für große Veranstalter nicht gehen würde.
Und wenn das für große gilt, dann muss das für kleine umso mehr gelten.
Die Wahrheit ist: Ohne strukturelle Unterstützung stirbt die Vielfalt zuerst. Und zwar leise.
Der Weg nach vorn: Ein Live Music Fund für die Basis
Ein möglicher Weg liegt längst auf dem Tisch: Ein Live Music Fund – gezielt ausgerichtet auf kleine und mittlere Veranstalter, auf risikobehaftete Konzertformate, auf kulturelle Breitenarbeit.
Ein solcher Fonds könnte Zuschüsse für Raumkosten, Produktionshilfe, Programmpauschalen oder Nachwuchsförderung leisten – dort, wo aktuell niemand hilft, obwohl alle erwarten.
Denn wer die Bühne für die Musik von morgen bereitet, sollte nicht der sein, der heute am meisten verliert.
Es geht um Gleichgewicht. Der Live Music Fund wäre ein Schritt in Richtung einer fairen, vielfältigen und zukunftsfesten Livemusiklandschaft.
Quelle:
Die in diesem Beitrag verwendeten Daten stammen aus der Studie „Musikwirtschaft in Deutschland 2024“, veröffentlicht von Oxford Economics.
Herausgegeben wurde die Studie vom Forum Musikwirtschaft (BDKV, BVMI, DMV, IMUC, LIVEKOMM, SOMM, VUT) sowie EVVC, GEMA und GVL.
Gefördert wurde die Untersuchung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und die Behörde für Kultur und Medien Hamburg.
Infos zum Live Musik Fund gibt es hier: