17. September 2026

Wer rettet die Festivals, wenn nicht wir?

Zwei beliebte Festivals sind gerade Geschichte, nicht weil das Publikum ausblieb, sondern weil die Rechnung nicht mehr aufgeht. Über eine Vielfalt, die leise verschwindet, und über Lösungen, die längst auf dem Tisch liegen.
17. September 2026

Wer rettet die Festivals, wenn nicht wir?

Zwei beliebte Festivals sind gerade Geschichte, nicht weil das Publikum ausblieb, sondern weil die Rechnung nicht mehr aufgeht. Über eine Vielfalt, die leise verschwindet, und über Lösungen, die längst auf dem Tisch liegen.
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Inhalt dieses Beitrags

Zwei beliebte Festivals sind gerade Geschichte, nicht weil das Publikum ausblieb, sondern weil die Rechnung nicht mehr aufgeht. Über eine Vielfalt, die leise verschwindet, und über Lösungen, die längst auf dem Tisch liegen.

Zwei Festivals haben sich in diesem Sommer verabschiedet, und unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Das SNNTG bei Hannover: ein gemeinnütziger Verein, seit zehn Jahren ehrenamtlich gestemmt, neben Jobs, Studium und Familie, knapp 3.000 Gäste, historische Straßenbahnen, die das Publikum zwischen den Bühnen hin und her fahren. Zum Abschied hieß es dort: ein letztes Mal mit euch tanzen. Das Highfield bei Leipzig: fast 30 Jahre alt, eine Institution am Störmthaler See, One Last Dance mit den Beatsteaks, Marteria und vielen anderen. Das eine ein Wohnzimmer, das andere ein Stadion. Und doch endet beides im selben Jahr, aus demselben Grund.

Es ist nicht der Grund, den man vermuten würde. Beide Festivals waren beliebt, das SNNTG ausverkauft, das Highfield über Jahrzehnte eine feste Größe im Festivalsommer. Sie hören nicht auf, weil das Publikum ausgeblieben ist. Sie hören auf, weil die Rechnung nicht mehr aufgeht.

Sie sind nicht gescheitert. Die Rechnung geht nicht mehr auf.

Wie diese Rechnung heute aussieht, hat das Highfield-Team selbst offengelegt. Die Produktionskosten sind quer durch alle Bereiche um fast 50 Prozent gestiegen. Der Break-even, also der Punkt, ab dem ein Festival überhaupt schwarze Zahlen schreibt, liegt inzwischen bei rund 85 Prozent Auslastung. Im Klartext: Man muss fast ausverkauft sein, nur um plus minus null zu landen. Ein verregnetes Wochenende, eine kurzfristige Absage, und aus der Party wird ein existenzielles Risiko. Das ist kein Kulturbetrieb im entspannten Sinn mehr, das ist ein Hochrisikogeschäft.

Und es ist kein Einzelfall. Die Bundesstiftung LiveKultur führt eine Rote Liste der bedrohten Clubs, ganz bewusst benannt nach den Roten Listen aus dem Naturschutz. Nur stehen darauf keine Tierarten, sondern Orte: Clubs, Spielstätten und zunehmend auch Festivals. In den Branchenumfragen der letzten Jahre meldet die überwältigende Mehrheit massiv gestiegene Kosten, ein erheblicher Teil sieht sich schlicht in der Existenz bedroht. Besonders bitter ist der Mechanismus dahinter. Früher konnten profitable Konzerte die mutigen, defizitären Auftritte von Newcomern mittragen. Diese Mischkalkulation funktioniert kaum noch. Und wo die kleine, riskante Bühne verschwindet, verschwinden die Künstlerinnen und Künstler von morgen, bevor wir sie je gehört haben.

Was hier stirbt, ist Infrastruktur

An dieser Stelle wird meist reflexhaft gesagt: Pech gehabt, das ist eben der Markt. Genau hier lohnt der zweite Blick. Denn was da stirbt, ist kein Freizeitvergnügen unter vielen. Es ist kulturelle Infrastruktur.

Bei einem Fachgespräch der Kulturpolitischen Gesellschaft, entstanden rund um die Nighttime Economy Conference in Mannheim und das About Pop Festival in Stuttgart, haben Forschende und Praktikerinnen ziemlich genau beschrieben, was diese Orte leisten. Clubs und Livespielstätten sind Räume, in denen die Regeln des durchgetakteten Alltags für ein paar Stunden außer Kraft gesetzt sind. Der Wirtschaftsgeograf Bastian Lange spricht von einer wachsenden Sehnsucht gerade jüngerer Generationen nach Orten jenseits von Plattformen, Algorithmen und permanenter Optimierung. Die Raumforscherin Marie Sudholt betont, dass der eigentliche Wert dieser Orte im Zusammenbringen von Menschen liegt, und dass Clubkultur vor allem eines braucht: Kontinuität und langfristige Verankerung.

Der Wert dieser Räume liegt also nicht darin, dass sie sich rechnen. Er liegt darin, dass sie Menschen zusammenbringen und eine Gesellschaft lebendig, vielfältig, offen und jung halten. Genau deshalb darf man sie nicht allein dem Markt überlassen.

Ein Jahrhundertprojekt für die einen, eine Rote Liste für die anderen

Wie unterschiedlich wir mit Kultur umgehen, zeigt ein Blick nach Stuttgart. Dort steht die Sanierung der Staatsoper an, ein milliardenschweres Vorhaben, das Land und Stadt selbst als Jahrhundertprojekt bezeichnen. Eine belastbare Gesamtschätzung gibt es aktuell nicht, eine Berechnung aus dem Jahr 2019 lag bei rund einer Milliarde Euro. Schon das reine Übergangsgebäude, in dem Oper und Ballett für etwa zehn Jahre ausweichen sollen, ist selbst in der abgespeckten Variante mit bis zu 289 Millionen Euro veranschlagt. Allein dieses Provisorium bewegt sich in einer Größenordnung, von der die gesamte freie Livekultur nur träumen kann.

Ich sage das ausdrücklich nicht gegen die Oper. Hochkultur ist erhaltenswert, ohne Wenn und Aber. Aber achten wir auf die Selbstverständlichkeit, mit der hier gedacht wird. Niemand verlangt von einer Oper einen Break-even von 85 Prozent. Niemand fragt, ob sie sich selbst quersubventionieren müsste. Niemand setzt sie auf eine Rote Liste. Ihr Erhalt steht außer Frage, diskutiert wird nur das Wie. Genau diese Selbstverständlichkeit wird der Club-, Live- und Festivalkultur verweigert.

Die einen bekommen ein Jahrhundertprojekt, die anderen eine Rote Liste.

Warum die eine Kultur eine Lobby hat und die andere nicht

Diese Schieflage hat wenig mit künstlerischem Wert zu tun und viel mit Repräsentation. Die etablierte Hochkultur verfügt über Jahrzehnte gewachsene Netzwerke, Fördervereine, Stiftungen und feste Etatlinien. Und ihr Stammpublikum ist im Schnitt älter. Ältere Generationen gehen zuverlässiger wählen, sie sind in Parlamenten, Gemeinderäten und Aufsichtsgremien deutlich stärker vertreten, und Politik richtet sich, ob bewusst oder nicht, nach denen, die im Raum sitzen. Die Kultur der Jüngeren hat all das nicht. Sie hat leidenschaftliche Betreiberinnen, ein treues Publikum und fast keine organisierte Stimme dort, wo die Haushalte beschlossen werden. In fetten Jahren fällt das kaum auf. In Zeiten knapper Kassen entscheidet es über Leben und Tod.

Ich weiß, wovon ich rede, denn ich sitze selbst in einem Gemeinderat und an den Tischen, an denen solche Haushalte gemacht werden. Was dort zählt, ist nicht nur das bessere Argument. Es zählt, wer hörbar ist.

Die Antwort aus der Branche: der Club Euro

Das Bittere an dieser Lage wäre, sie einfach hinzunehmen. Das Gute ist: Die Szene tut das nicht. Sie hat begonnen, sich ein eigenes Instrument zu bauen, den Live Music Fund. Die Idee dahinter ist so einfach wie wirkungsvoll und trägt einen Namen, der das Prinzip schon erklärt: der Club Euro.

Der Gedanke: Auf jedes verkaufte Ticket fließt ein kleiner Solidaritätsbeitrag in einen gemeinsamen Topf. Aus diesem Topf wird gefördert, was sich am freien Markt nicht mehr rechnet, aber kulturell unverzichtbar ist. Die kleine, mutige Bühne. Das Nachwuchsprogramm. Das Festival mit dem hohen Risiko und dem schmalen Budget. Was im einzelnen Betrieb als Mischkalkulation zerbrochen ist, entsteht so auf einer neuen Ebene wieder: als Solidargemeinschaft der ganzen Branche. Wer stark ist, trägt ein Stück mit. Wer ums Überleben kämpft, bekommt Unterstützung.

Das ist Hilfe zur Selbsthilfe, und genau darin liegt die Stärke. Der Live Music Fund wartet nicht darauf, dass irgendwer die Livekultur rettet. Er organisiert einen Teil dieser Rettung aus der Szene heraus, freiwillig, solidarisch und getragen von denen, die das Geschäft am besten verstehen. Ein erstes Pilotprojekt läuft bereits, getragen von der Bundesstiftung LiveKultur.

Frankreich macht es vor: Wer an der Musik verdient, soll beitragen

Damit ist erst ein Teil der Lösung beschrieben. Denn eine Frage drängt sich auf: Wer verdient heute eigentlich an der Musik? Nicht die Clubs, nicht die kleinen Festivals, und schon gar nicht die Künstlerinnen und Künstler am Anfang ihrer Karriere. Ein einzelner Stream bei Spotify bringt nach gängigen Branchenberechnungen im Schnitt etwa 0,00286 Euro. Tausend Abrufe ergeben also 2,86 Euro. Von diesem Geld kann niemand leben, geschweige denn eine Bühne betreiben.

Frankreich hat daraus eine Konsequenz gezogen. Seit 2024 zahlen dort Streamingdienste mit mehr als 20 Millionen Euro Jahresumsatz eine Abgabe von 1,2 Prozent ihres Umsatzes. Schon im ersten Jahr kam so ein Betrag im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Millionenbereich zusammen. Das Geld fließt in Förderprogramme für die Musik- und Livebranche, für Musikschaffende, unabhängige Labels, Spielstätten und die Nachwuchsförderung. In Hamburg hat gerade die Linksfraktion in der Bürgerschaft ein solches Modell für Deutschland beantragt.

Das ist der zweite Hebel, und er passt genau zum ersten. Der Club Euro ist die Solidarität der Szene mit sich selbst. Eine faire Streaming-Abgabe wäre die Beteiligung derer, die mit der Musik die größten Gewinne machen und bislang am wenigsten zu ihrem Erhalt beitragen. Beides zusammen ergibt ein einfaches, gerechtes Prinzip: Wer an der Musik verdient, sorgt dafür, dass es sie auch morgen noch gibt.

Und genau hier kommt die Politik ins Spiel, ohne dass sie die ganze Last tragen müsste. Ein Solidarmodell aus der Branche kann die Szene selbst beginnen. Eine gesetzliche Streaming-Abgabe dagegen kann nur der Gesetzgeber schaffen. Die Aufgabe der Politik ist also klar: den Rahmen setzen, beide Instrumente verlässlich absichern und dort verdoppeln, wo die Kraft der Branche allein nicht reicht. Ein Bruchteil dessen, was ein einziger Interimsbau kostet, würde reichen, um daraus ein echtes Sicherheitsnetz für die Livekultur zu machen.

Was du jetzt tun kannst

Wer diese Kultur liebt, muss aufhören, sie nur zu konsumieren, und anfangen, sie mitzutragen. Das ist unbequemer als ein Ticket, aber es ist der einzige Hebel, der wirklich wirkt.
    • Früh Tickets kaufen. Planungssicherheit ist für Veranstalter überlebenswichtig, und eine frühe Kaufentscheidung ist die einfachste Form der Solidarität.
    • Sichtbar werden, wo entschieden wird. Schreibt euren Stadträtinnen und Abgeordneten, geht in Ausschusssitzungen, fragt öffentlich nach, warum Livekultur im Kulturhaushalt eurer Stadt nicht als Infrastruktur auftaucht, sondern bestenfalls als Randnotiz.
    • Für faire Finanzierung eintreten. Unterstützt Modelle wie den Live Music Fund und den Club Euro, und fordert von der Politik, dass auch die großen Streamingdienste zur Finanzierung der Livekultur beitragen, so wie in Frankreich.

Denn eines sollte klar sein. Eine Stadt, die Tempel für die Kultur der Vergangenheit baut und die Kultur der Gegenwart auf dem freien Markt sterben lässt, spart kein Geld. Sie trifft eine leise Entscheidung darüber, wessen Kultur zählt.

Das SNNTG hat uns zum Abschied geschrieben, dass das Ende des Festivals nicht das Ende von SNNTG bedeutet. Das Highfield sagt, gute Ideen brauchen manchmal Zeit. In diesen Sätzen steckt Hoffnung, aber keine Garantie. Also sagen wir nicht einfach Lebewohl. Wir sagen Danke, für jede Nachtschicht, die niemand gesehen hat, und für all die Erinnerungen, die bleiben. Und wir sorgen dafür, dass es ein Wiedersehen geben kann.

Die Bühne steht noch. Noch.


Felix Grädler ist Geschäftsführer der halle02 in Heidelberg, Initiator des Live Music Fund Germany und Vorstandsmitglied der Bundesstiftung LiveKultur sowie der LiveKomm. Außerdem ist er Stadtrat für Bündnis 90/Grüne in Heidelberg

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