Kulturförderung ist noch immer eine freiwillige Leistung der Kommunen (Lenk et. al. 2013) und wird in Bezug auf die kulturpolitischen Strategien stark durch die definierten Rahmenbedingungen der jeweiligen Träger:innen beeinflusst. Aufgrund der Pfadabhängigkeit der Kulturförderung liegt der Fokus immer noch zu sehr auf den Institutionen der Hochkultur. Vielfach werden diese Kulturinstitutionen von einem eher älteren, konservativ-etablierten und liberal-intellektuellen Milieu frequentiert. Auf Basis einer repräsentativen empirischen Untersuchung zur sozialen Selektion des Bühnenpublikums aus dem Jahr 2016 von Tibor Kliment wird dies am Beispiel einer Umfrage an einem städtischen Theater deutlich. Demnach verfügten 89 Prozent der Besucher:innen über ein Studium oder zumindest über Abitur, knapp über 60 Prozent sind Beamt:innen, leitende Angestellte oder Selbstständige und mit 66 Prozent stellen die über 50-Jährigen die mit Abstand größte Alterskohorte. Lediglich 17 Prozent der Besucher:innen sind unter 34 Jahren alt (Kliment 2016).
Angesichts der vorherrschenden Schieflagen im Kontext neuer Krisenphänomene, scheint es wieder an der Zeit zu sein, stärker an die früheren Reformbewegungen anzuknüpfen und neue Selbstverständnisse in Kulturpolitik und Kulturpraxis einzufordern.
(…)
Die Gesellschaft erlebt multiple Krisen, die bisherige Selbstverständnisse und Lebenswirklichkeiten auf die Probe stellen. Derzeit lassen sich die langfristigen Folgen des Klimawandels, des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und der Inflation nur ungefähr erahnen. Schon jetzt offenbaren sich im Kontext der Inflation allerdings neue sozioökonomische Ungerechtigkeiten, die zu Ausgrenzungen führen und das demokratische Miteinander gefährden. Viele dieser Effekte lassen sich auch am Programmangebot und spezifischen Traditionen des Kulturbereichs ablesen. Bis heute können breite Teile der Bevölkerung nicht ausreichend am öffentlich geförderten Kulturleben partizipieren. Es mangelt an Zugänglichkeit, Teilhabe und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Während die Gesellschaft immer vielfältiger wird, bleibt das Publikum im Feld von Kunst und Kultur oftmals seltsam homogen. Deshalb muss der Dialog über eine andere Kulturpraxis und die Ausgestaltung kultureller Infrastrukturen wieder deutlich intensiviert werden.
(Blaich, Grädler, Mohr, Seibold, Einführung Kultur:Wandel – Impulse für eine zukunftsweisende Kulturpraxis 2023, Transcript Verlag)
Ticketsteuer in Frankreich
Frankreich hat schon 2003 eine Steuer zur Umverteilung innerhalb der Musikbranche und zur Förderung der Kultur erhoben.
(eine steuerähnliche Abgabe (anfangs 1,75 %) gibt es in Frankreich schon seit 1986 ; in der jetzigen Form als Steuer (Satz 3,5%) seit 2002/2003)
(Infos https://cnm.fr/taxe/)
2020 wurde schließlich die CNM – centre national de la musique – gegründet um in 12 Interventionsbereichen: Wissen, Vielfalt, Gleichstellung von Frauen und Männern, Kreation, musikalisches Erbe, Innovation, Territorien, Internationales, Information, Ausbildung, nachhaltige Entwicklung sowie künstlerische und kulturelle Bildung Förderlinien zu erstellen und nachhaltig die Musikbranche zu fördern.
Die Situation in Deutschland
ist ja ähnlich:
Die wirtschaftlichen Stärken in der Musikbranche sind ungleich verteilt (große Player, institutionell geförderte Häuser) und die Probleme aus den Bereichn (Aus-)Bildung, Qualität, Nachaltigkeit und Nachwuchsförderung zeigen sich nach der Pandemie mit aller Wucht.
Manche sagen, der “Circle of Life” sei gestört.
Und: An eine “freiwillige” Umverteilung der Förderungen, ein Umdenken in der Politik zur Förderpolitik oder auch der Margen innerhalb der Musikbranche ist nicht zu denken.
Deshalb sollten wir auch in Deutschland überlegen, eine neue Finanzierung aufzumachen.
Durch eine Besteuerung leisten auch die “Stars von heute” einen Beitrag, die Stars von Morgen aufzubauen und die Kulturbranche nachhaltig zu stärken.
Zu überlegen wäre, beispielsweise 3% auf jedes Kulturticket ab einem Betrag von 30 € zu besteuern und daraus Förderlinien für Wissen & Professionalität, Diversität, Kreativität, Tradition, Innovation, kulturelle Bildung & Nachhaltigkeit zu kreieren.
(Eine Stiftung zur Abwicklung dieser Förderlinien könnte ich natürlich auch mitbringen ;))
Ich habe auch mal ChatGPT gefragt, warum Deutschland eine Ticketsteuer für Livemusik nach französischem Vorbild einführen sollte
Hier sind einige Gründe, warum eine solche Steuer in Deutschland sinnvoll wäre:
- Förderung der Kulturvielfalt
Eine Ticketsteuer könnte genutzt werden, um lokale Künstler und kleinere Veranstaltungsorte zu unterstützen. In einer Zeit, in der große Veranstaltungshallen und international bekannte Künstler dominieren, könnte eine solche Steuer dazu beitragen, die kulturelle Vielfalt zu erhalten und zu fördern.
- Stärkung des lokalen Musikmarktes
Die Einnahmen aus der Steuer könnten in den lokalen Musikmarkt reinvestiert werden, um lokale Talente und unabhängige Musikveranstaltungen zu fördern. Dies würde nicht nur die Musikszene beleben, sondern auch einen positiven wirtschaftlichen Effekt auf die lokale Wirtschaft haben.
- Soziale Gerechtigkeit
Durch die Besteuerung teurerer Tickets könnten günstigere Veranstaltungen subventioniert werden. Dies würde es einem breiteren Publikum ermöglichen, an kulturellen Ereignissen teilzunehmen, die sonst möglicherweise zu teuer wären.
- Nachhaltigkeit
Mit der Steuer könnten Initiativen gefördert werden, die sich auf die Nachhaltigkeit von Musikveranstaltungen konzentrieren. Dies könnte von der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks bis hin zur Förderung umweltfreundlicher Praktiken bei der Durchführung von Veranstaltungen reichen.
- Stärkung der lokalen Gemeinschaften
Die Steuereinnahmen könnten auch dazu verwendet werden, Musikveranstaltungen in ländlichen oder benachteiligten Gebieten zu unterstützen, um den kulturellen Austausch und die soziale Integration zu fördern.
Fazit
Eine Ticketsteuer für Livemusik nach dem französischen Modell bietet Deutschland eine einzigartige Gelegenheit, seine Musiklandschaft zu bereichern und gleichzeitig soziale und kulturelle Werte zu fördern. Es ist eine Investition in die Vielfalt und Nachhaltigkeit der deutschen Kultur, die weitreichende positive Auswirkungen haben könnte.
was denkt ihr zu einer Ticketsteuer?