In diesem Sommer machte ich die Erfahrungen in der Betreuungseinrichtung meiner Tochter, in der eine nagelneue Klimaanlage an der Wand hing und nicht lief. Draußen 35 Grad, drinnen kaum kühler – manchmal sogar noch heißer, und die 1-3 jährigen Kinder schwitzten in ihren Betten. In Betrieb genommen wurde die Anlage erst, nachdem Eltern massiv protestiert hatten. Bis dahin fehlte, wie so oft, die passende Freigabe. (Und ja ich weiß, die meisten Einrichtungen haben noch nichtmal diese Klimaanlage)
Dieser eine Moment bringt für mich auf den Punkt, was in unserem Umgang mit Hitze grundsätzlich schiefläuft. Wir haben klare, verbindliche Regeln dafür, wie warm es an einem Arbeitsplatz werden darf. Für die verletzlichsten Menschen in unserer Gesellschaft, für kleine Kinder, für Kranke, für alte Menschen, haben wir sie nicht.
Der Arbeitsschutz zeigt, wie es geht
Wer in Deutschland in einem Büro, einer Werkstatt oder einer Lagerhalle arbeitet, ist rechtlich geschützt. Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten legen fest, was gilt. Ab 26 Grad Raumtemperatur soll der Arbeitgeber gegensteuern. Ab 30 Grad muss er wirksame Maßnahmen ergreifen. Ab 35 Grad ist der Raum ohne besondere Vorkehrungen schlicht nicht mehr als Arbeitsraum geeignet.
Das ist keine Empfehlung, über die man diskutieren kann, wenn gerade Zeit und Geld da sind. Das ist ein verbindlicher Rahmen, auf den sich jede erwachsene Beschäftigte und jeder erwachsene Beschäftigte berufen kann.
Jetzt stellen wir das nebeneinander. Ein gesunder Erwachsener im klimatisierten Büro genießt diesen Schutz. Ein zweijähriges Kind in einer überhitzten Krippe genießt ihn nicht. Ein Patient auf einer Station, deren Fenster sich zur prallen Sonne öffnen, genießt ihn nicht. Eine 88 Jahre alte Frau im Pflegeheim genießt ihn nicht. Genau die Menschen, die Hitze am wenigsten wegstecken, sind am schlechtesten geschützt.
Das ergibt medizinisch keinen Sinn
Kleine Kinder regulieren ihre Körpertemperatur schlechter als Erwachsene. Kranke und alte Menschen sind bei Hitze einem echten gesundheitlichen Risiko ausgesetzt, bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen. Ausgerechnet für diese Gruppen auf verbindliche Grenzwerte zu verzichten, ist nicht nachvollziehbar.
Ich finde: Für Kitas, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen brauchen wir verbindliche Hitzegrenzwerte, so klar und so einklagbar wie im Arbeitsschutz. Feste Temperaturschwellen, ab denen gehandelt werden muss. Feste Vorgaben, welche Maßnahmen dann zu ergreifen sind. Und feste Verantwortlichkeiten, damit niemand auf eine Freigabe wartet, während sich die Räume aufheizen.
Was uns das Nichtstun kostet
Wer glaubt, verbindlicher Hitzeschutz sei zu teuer, rechnet falsch herum. Teuer ist das Nichtstun. Eine Studie des Beratungsunternehmens Prognos im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums hat ausgerechnet, dass ein einziger Tag mit über 30 Grad die deutsche Wirtschaft rund 431 Millionen Euro kostet. Der weitaus größte Teil davon, etwa 97 Prozent, entsteht durch sinkende Produktivität. Es sind also nicht kaputte Maschinen, sondern Menschen, die bei Hitze nicht mehr leisten können.
Bemerkenswert ist, wer diese Zahl erhoben hat. Es ist das Bundesarbeitsministerium, also genau das Haus, das mit dem Arbeitsschutz die Beschäftigten längst vor Hitze schützt. Den Preis der Hitze kennt der Staat also ganz genau. Nur zieht er daraus bislang allein für Erwerbstätige die Konsequenz.
Wie groß die Summen werden, hat die Hitzewelle im Juni 2026 drastisch gezeigt. Nach Berechnungen von Prognos summierte sich der Schaden für die deutsche Volkswirtschaft in diesen zwei Wochen auf mindestens 6,3 Milliarden Euro. Im selben Zeitraum starben nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts mehr als 5.000 Menschen an den Folgen der Hitze. Der Kreditversicherer Allianz Trade rechnet damit, dass sich die hitzebedingten Verluste in Deutschland bis 2030 auf über 110 Milliarden Euro summieren könnten, wenn wir weitermachen wie bisher.
Und dann ist da noch der Schaden, der in keiner dieser Statistiken auftaucht. Wenn Kitas und Schulen wegen Hitze schließen oder die Pflege an ihre Grenzen kommt, müssen Angehörige einspringen und von der Arbeit weg. Das trifft Familien und Betriebe gleichermaßen, und zwar Tag für Tag. Verbindlicher Hitzeschutz ist deshalb keine Ausgabe, die wir uns leisten, sondern eine Investition, die sich rechnet.
Andere Länder sind längst weiter
Ein Blick über die Grenze zeigt, dass es anders geht. Frankreich hat nach der Katastrophe des Sommers 2003, als allein dort rund 15.000 Menschen an der Hitze starben, einen nationalen Hitzeschutzplan aufgelegt. Seither gilt eine schlichte, aber verbindliche Vorschrift: In jedem Pflegeheim muss mindestens ein Raum klimatisiert sein. Aktuell stellt Frankreich zusätzlich 130 Millionen Euro bereit, um landesweit Schulen mit Klimaanlagen auszustatten, und mehrere hundert Millionen Euro für die Sanierung von Kliniken.
Der französische Plan arbeitet mit klaren Warnstufen, an die konkrete Maßnahmen geknüpft sind, von der Betreuung gefährdeter Menschen bis zur Anpassung des Schulbetriebs. Und Frankreich ist kein Einzelfall. Belgien hat seit 2005 einen nationalen Hitze- und Ozonplan. Die Niederlande warnen und mobilisieren gezielt Pflegekräfte, wenn heiße Tage bevorstehen. Italien, Spanien und Portugal haben schon 2004 reagiert. Österreich hat zum Jahr 2026 sogar eine eigene Hitzeschutzverordnung eingeführt.
Diese Länder haben eines gemeinsam. Sie verlassen sich nicht auf gute Absichten und den Einzelfall, sondern auf verbindliche Regeln. Deutschland reagiert mit rund zwanzig Jahren Verspätung, und noch immer bleibt vieles Empfehlung statt Pflicht. Genau das müssen wir ändern.
Bürokratie darf keine Ausrede sein
Ich höre schon die Einwände. Das sei kompliziert, das koste Geld, das lasse sich nicht überall sofort umsetzen. Vieles davon stimmt sogar. Aber genau deshalb brauchen wir veröffentlichte, verbindliche Regeln. Solange niemand eindeutig festlegt, ab wann gekühlt werden muss und wer das entscheidet, scheitert Kühlung im Zweifel an einer fehlenden Unterschrift. Das habe ich in dieser Krippe mit eigenen Augen gesehen.
Verbindliche Grenzwerte nehmen den Menschen vor Ort den Druck. Eine Erzieherin muss dann nicht mutig sein, um für ein erträgliches Raumklima zu kämpfen. Sie muss nur auf die Regel verweisen. Das ist der eigentliche Sinn von Standards. Sie schützen die Schwächsten, ohne dass sich vorher jemand zum Helden machen muss.
Es geht um Anstand, nicht um Ausnahmen
Wer glaubt, das seien vereinzelte Extremtage, unterschätzt, was auf uns zukommt. Klimafachleute erwarten, dass Temperaturen bis 45 Grad künftig häufiger werden. Das ist das neue Normal, auf das sich unsere Städte einstellen müssen.
Der Arbeitsschutz hat vor Jahrzehnten anerkannt, dass Hitze am Arbeitsplatz ein Risiko ist, das man nicht dem Zufall überlässt. Es ist höchste Zeit, dass wir denselben Maßstab an die Orte anlegen, an denen die Menschen betreut werden, die sich selbst am wenigsten helfen können.
Verbindliche Hitzegrenzwerte für Kitas, Schulen und die Pflege sind kein Luxus. Sie sind eine Frage des Anstands.