Am vergangenen Wochenende musste ich beim Zeltfestival Rhein-Neckar zwei Veranstaltungen absagen, weil im Zelt bei vollem Betrieb Temperaturen von 43 bis 48 Grad zu erwarten waren. Parallel dazu diskutiere ich – diesmal als Vater, im Elternbeirat meiner Kita – an einer Eskalationsstrategie, weil es in unseren Kitas bis heute keinen verbindlichen Hitzeschutz-Stufenplan gibt. Zwei völlig unterschiedliche Kontexte. Aber im Kern geht es um exakt dieselbe Lücke:
In Deutschland gibt es für Hitze keine verbindlichen Schutzstandards für die Menschen, die sich am wenigsten selbst schützen können – und die Verantwortung dafür wird konsequent nach unten durchgereicht, bis sie bei Einzelnen landet, die am Ende allein dafür einstehen müssen.
Samstagmorgen, 7 Uhr: Eine E-Mail entscheidet über ein Wochenende
Am letzten Freitag haben wir uns mit dem Krisenstab zusammengeschaltet, um über das Wochenende zu entscheiden. Für Sonntag – das Familienkonzert von „Deine Freunde“ – lag morgens um sieben eine „Empfehlung“ von Polizeibehörde und leitenden Notärzten vor: Die Veranstaltung sollte wegen der Hitze nicht stattfinden. Kinder regulieren ihre Körpertemperatur anders als Erwachsene, und stehende Hitze in einem geschlossenen Zeltbau kann für sie schnell gefährlich werden. Diese Entscheidung war für mich keine zwei Sekunden lang strittig.
Für Samstag – die DnB Allstars, ein erwachsenes Publikum – sah es anders aus. Keine behördliche Empfehlung, keine Untersagung. Die Behörde der Stadt Mannheim berief sich auf die Eigenverantwortung erwachsener Besucherinnen und Besucher. Die Entscheidung lag damit faktisch allein bei uns als Veranstalter. Und vermutlich hatte sie auch keine andere Option.
Wir haben sie trotzdem getroffen – und zwar gegen die Veranstaltung. Unsere eigenen Messdaten aus dem Zelt zeigten schon bei 700 Gästen deutliche Temperaturspitzen; eine Prognose für 3.000 tanzende Menschen bei hoher Luftfeuchtigkeit kam auf 43 bis 48 Grad im Zeltinneren. Dazu kam ein Aspekt, den man von außen oft unterschätzt: Auf einer Drum-and-Bass-Veranstaltung mit exzessivem Tanzen und unter Alkohol- oder Substanzeinfluss sinkt die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung erheblich – aus einer vermeintlich „eigenverantwortlichen“ Zielgruppe wird in der Hitze faktisch eine vulnerable.
Hinzu kam die Fürsorgepflicht für unser eigenes Team: Sicherheitsdienst, Gastronomie, Technik – Menschen, die im Gegensatz zum Publikum gar nicht gehen können, wenn es zu heiß wird.
Was mich dabei am meisten beschäftigt hat, war nicht die fachliche Seite. Es war die Erkenntnis, wie stark die Behörden sich aus genau jenen Entscheidungen heraushalten, die eigentlich in ihre Schutzverantwortung fallen. Eine formelle Untersagung wäre ein klares, überprüfbares Verwaltungshandeln gewesen – mit entsprechender Haftung. Eine bloße „Empfehlung“ oder gar Schweigen verschiebt das wirtschaftliche und rechtliche Risiko vollständig auf den Veranstalter. Wir konnten die Absage am Ende mit der Gefährdung von Leib und Leben begründen – , weil es die einzige war, die uns versicherungsrechtlich überhaupt eine Chance gab, die Kosten einer Absage zu tragen.
Das kann nicht der Normalfall sein, nach dem sich verantwortungsvolles Handeln in Zukunft richten muss.
Dieselbe Lücke, anderer Ort: die Kitas
An genau diesem Freitagmorgen, kurz bevor der Krisenstab-Call begann, habe ich meine Tochter in die Krippe gebracht. Sie ist zwei Jahre alt. Um halb neun zeigte das Thermometer im Gruppenraum schon 32 Grad – in genau dem Raum, in dem sie den ganzen Tag spielen, essen und auch schlafen sollte. Ich bin einen Moment davorgestanden und habe ernsthaft überlegt, sie einfach wieder mitzunehmen. Habe es dann aber nicht getan, weil ich arbeiten musste – an diesem Tag ausgerechnet darüber entscheiden, ob Tausende Erwachsene oder auch Kinder bei ähnlichen Temperaturen tanzen sollen.
Diese Diskrepanz lässt mich seitdem nicht los. Für das Festival hatten wir Messdaten, eine Gefährdungsbeurteilung, einen Krisenstab und am Ende die Möglichkeit, abzusagen. Für meine Tochter gab es an diesem Morgen nichts von alledem – kein Grenzwert, ab dem die Einrichtung hätte reagieren müssen, keine verbindliche Regel, die mir die Entscheidung abgenommen oder wenigstens erleichtert hätte. Nur ein Thermometer, ein ungutes Gefühl und die Tatsache, dass ich selbst keine wirkliche Alternative hatte.
Bei Temperaturen deutlich über 30 Grad gilt es fachlich unbestritten als nahezu kindeswohlgefährdend, Kinder unter drei Jahren einen ganzen Tag, acht Stunden, im selben Raum spielen, schlafen und essen zu lassen. Und doch: Es gibt in Heidelberg bis heute keinen verbindlichen, transparenten Hitzeschutz-Stufenplan für Kitas – keine klaren Temperaturgrenzwerte, ab denen bestimmte Maßnahmen automatisch greifen, wie wir sie aus dem Arbeitsschutz längst kennen.
Das Argument „früher war es auch schon heiß, nennt sich Sommer“ verfängt nicht. Häufigkeit, Dauer und Intensität der Hitzephasen haben sich nachweislich verändert – die kommunalen Schutzmechanismen sind dem schlicht nicht gefolgt.
Nun stellt sich die Frage: was tun, bei einer Sache die doch eigentlich auf der Hand legen müssten?
Das ist kein Wunschkonzert, sondern eine nüchterne Reaktion auf eine Situation, in der freundliche Hinweise allein offensichtlich nicht reichen.
Diese Logik müsste man in den Gemeinderat tragen: es bräuchte eine „Klimatisierungsoffensive für vulnerable Gruppen“ – mindestens 50 Millionen Euro über zehn Jahre für Hitzeschutz und Klimatisierung in Kitas, Schulen, Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, mit Priorität für Schlaf-, Ruhe- und Pflegeräume. Denn Trinkwasser und verlängerte Pausen sind in unsanierten Bestandsgebäuden längst keine ausreichende Antwort mehr. Denn: wer gleichzeitig über eine Kulturhauptstadt-Bewerbung diskutiert und klimatisierte Büro- und Konferenzgebäude baut, sollte den gesundheitlichen Schutz vulnerabler Gruppen mindestens ebenso priorisieren.
Was beide Geschichten gemeinsam haben
Ob Zeltfestival oder Kita: Das Muster ist identisch. Es gibt keine verbindlichen Grenzwerte, ab denen automatisch gehandelt werden muss. Es gibt keine klare Zuständigkeit, wer im Ernstfall eingreift. Und es gibt am Ende fast immer jemanden – einen Veranstalter, einen Kita-Träger, Eltern, ein Team vor Ort –, der die Entscheidung treffen und die Konsequenzen tragen muss, während die eigentlich zuständigen Stellen auf Grund fehlender Vorgaben sich auf Eigenverantwortung oder unverbindliche Empfehlungen zurückziehen.
Das mag im Einzelfall noch funktionieren, wenn engagierte Menschen bereit sind, im Zweifel die unbequeme, teure, aber richtige Entscheidung zu treffen. Aber ein Schutzsystem, das sich darauf verlässt, dass im entscheidenden Moment schon jemand verantwortungsbewusst genug handelt, ist kein Schutzsystem. Es ist ein Zufall mit Glücksfaktor.
Was wir brauchen, sind verbindliche Stufenpläne mit klaren Temperaturgrenzwerten – für Kitas und Pflegeeinrichtungen ebenso wie für Veranstaltungen. Wir brauchen klare Zuständigkeiten, die im Zweifel auch tatsächlich greifen, statt sich in Empfehlungen zu erschöpfen. Und wir brauchen Investitionen in bauliche und technische Maßnahmen, damit Schutz nicht erst dann entsteht, wenn ohnehin schon improvisiert werden muss.
Diesen Wechsel wünsche ich mir – und zwar jetzt, nicht erst dann, wenn ein Kind, ein Festivalgast oder ein pflegebedürftiger Mensch tatsächlich zu Schaden gekommen ist.
