01. Oktober 2026

Zur Lage der Livemusik in Deutschland

01. Oktober 2026

Zur Lage der Livemusik in Deutschland

Inhalt dieses Beitrags

Warum ist der Live Music Fund eine notwendige Reaktion auf die Schieflage in der deutschen Live-Musik Branche?

▶  Erstmalige wissenschaftliche Bestätigung auf Bundesebene

Am 2. Juni 2026 veröffentlichten die Fachbereiche WD 1, WD 3 und WD 4 des Deutschen Bundestages den Sachstand „Livemusikveranstalter in Deutschland“ (WD 1/3/4-2026). Dieser Bericht bestätigt erstmals durch eine parlamentarisch-wissenschaftliche Institution die in diesem Analyse-Papier beschriebenen Probleme. Er analysiert darüber hinaus die verfassungsrechtlichen Grundlagen für eine mögliche Ticketabgabe auf Bundesebene.

„Man könnte auch sagen, dass die Live-Landschaft aus Grassroot-Konzerten besteht, bei denen niemand ausreichend verdient. Das unterstreicht, wie dringend dieser Bereich strukturell gestützt werden muss. Denn ohne kleine Konzerte, mit denen Newcomer zu kommenden Stars heranwachsen, werden auch Großevents künftig weniger werden – der ‚Circle of Live‘ wird zerstört.“ – LiveKomm, zitiert im WD-Bericht 2026

 

Live-Musik ist nicht weniger wert geworden. Im Gegenteil: Der Markt wächst. Aber das Wachstum kommt zunehmend bei großen Konzerten an – während kleine Clubs, Nachwuchsformate und unabhängige Veranstalter unter steigenden Kosten und geringen Margen leiden.

 

1. Was sind die Gründe, dass Clubs unter Druck stehen?

Es gibt nicht den einen Grund. Es ist eine Kombination aus mehreren Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken.

1.1 Kosten sind stark gestiegen

Clubs haben heute deutlich höhere Kosten für Personal, Energie, Technik, Sicherheit, Mieten, Produktion, Gagen, Versicherungen und Lärmschutzauflagen.

Das Problem: Kleine Konzerte haben wenig Skaleneffekte. Bei einem Konzert mit 100 Gästen bedeuten schon 1.000 € Mehrkosten rechnerisch 10 € mehr pro Ticket – nur um auf null zu bleiben.

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

97 % der befragten Clubs und Festivals berichten von enorm gestiegenen Kosten in allen Betriebsbereichen. 48,5 % sind von deregulierten Gewerbemieten betroffen, 70 % leiden unter steigenden Gagenforderungen. (LiveKomm-Monitoring, zitiert im WD-Bericht 2026)

 

1.2 Margen waren schon vor der Krise gering

Die bundesweite Clubstudie (Initiative Musik, 2021): Rund 2.000 Musikspielstätten setzen zusammen 1,1 Milliarden Euro pro Jahr um. Die durchschnittliche Umsatzrentabilität liegt bei nur 4,2 % (Median: 3,1 %). Zum Vergleich: Mittelständische Unternehmen kommen auf 7,5 %, Kleinstunternehmen auf 14 %. Der durchschnittliche Jahresgewinn liegt bei 30.000 Euro – der Median bei nur 8.000 Euro.

Im Durchschnitt stammen nur 25 % der Erlöse aus Ticketverkaufen. Fast die Hälfte (49 %) kommt aus der Gastronomie – Clubs überleben primär über den Getränkeverkauf, nicht über die Musik.

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

„Die ohnehin schon geringe Kostendeckungsquote verringert sich weiter und verhindert dringend notwendige Investitionen.“ Das Deutsche Musikinformationszentrum bilanziert: Es vollziehen sich im Stillen neue Krisen, ausgelöst durch Inflation und geändertes Freizeitverhalten. (WD-Bericht 2026)

 

1.3 Wie haben sich die Eintrittspreise entwickelt?

Kleine Venues können ihre Preise kaum erhöhen, weil ihr Publikum preissensibel ist. Der durchschnittliche Ticketpreis in Grassroot Venues lag 2024 in Großbritannien bei nur 11,48 € – praktisch stagnierend seit Jahren. In Deutschland ist die Situation ähnlich.

Große Konzerte können höhere Preise eher durchsetzen. Kleine Konzerte verlieren schneller ihr Publikum, wenn sie teurer werden.

 

1.4 Wie hat sich die finanzielle Situation der Menschen geändert?

Laut Destatis sanken die Reallöhne 2022 um -4,0 %, stiegen 2023 nur leicht um +0,1 % und 2024 um +3,1 %. Viele Menschen haben nach Inflation, Miete und Lebenshaltungskosten weniger frei verfügbares Geld.

 

1.5 Geben die Menschen immer noch viel Geld für Livemusik aus?

Ja. Das ist einer der zentralen Befunde. Der Gesamtmarkt wächst deutlich:

  • Live-Umsatz Deutschland: 5,6 Mrd. €, +21 % seit 2019 (Musikwirtschaftsstudie 2024)
  • CTS Eventim Konzernumsatz 2024: 2,809 Mrd. €, +19,1 % gegenüber dem Vorjahr
  • Gesamt-Konzertbesuche 2024: 70 Mio. – neuer Rekordwert

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

„Im Jahr 2024 konnte mit 70 Millionen Konzertbesuchern ein Rekord verzeichnet werden.“ (GEMA-Daten, zitiert im WD-Bericht 2026) – Zusätzlich: „Das Umsatz-Niveau von 2019 wurde bereits im Jahr 2023 mit über 1,975 Milliarden Euro wieder deutlich überschritten.“

Aber das Wachstum konzentriert sich auf das oberste Segment:

  • Mega-Konzerte (ab 50.000 Besucher): +56,6 % Besucherwachstum ggü. 2023
  • Große Konzerte (bis 50.000): +21,3 % mehr Veranstaltungen ggü. 2019
  • Kleine Konzerte (bis 500): -5,9 % ggü. 2019. Durchschnittlich nur 122 Besucher pro Konzert.

 

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

„Die Großkonzerte (über 5.000 Besucher) verzeichnen einen regelrechten Boom von über 50 % gegenüber dem Vorjahr. Bei den kleinen Konzerten sieht es anders aus: Konzerte mit maximal 500 Zuschauern (90 % der deutschen Konzerte) liegen weiterhin unter Vor-Corona-Niveau.“ (GEMA, zitiert im WD-Bericht 2026)

Das Publikum gibt nicht weniger Geld für Livemusik aus. Aber ein größerer Teil dieses Geldes fließt in wenige große Events. Die Schere geht auf – nicht zwischen Livemusik und anderen Freizeitangeboten, sondern innerhalb der Livemusik selbst.

 

1.6 Ist das ein lokales, bundesweites oder weltweites Problem?

Es ist ein weltweites Phänomen.

  • Deutschland: 91 % aller Konzerte 2024 fanden in Venues bis 500 Besucher statt – 228.842 Konzerte, 5,9 % unter 2019-Niveau.
  • UK: 2023 schlossen 125 Grassroot Venues (16 % des Bestands). 40 % der verbleibenden Venues arbeiten defizitär.
  • Frankreich: CNM-Modell: 3,5 % Ticketabgabe generiert ca. 50 Mio. € jährlich für den Sektor.
  • USA: 2025 war laut NPR ein „rough year for nightclubs“ – steigende Mieten, Monopolisierung.

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

WD-Bericht 2026 zu Frankreich: Zusätzlich zur 3,5 %-Ticketabgabe wurde seit Januar 2024 eine Streaming-Steuer eingeführt: Die größten Musikstreaming-Dienste müssen 1,2 % ihres Umsatzes an das CNM abführen. – Zu Großbritannien: Künstler wie Harry Styles, Katy Perry oder Coldplay unterstützen das freiwillige Levy-Modell aktiv. Politisch wird auch eine verbindliche Einführung für große Konzerte und Festivals diskutiert.

 

2. Gilt das für alle Clubs gleichermaßen?

Nein. Clubs mit diversifiziertem Geschäftsmodell, Eigentumsimmobilien, klarer Nische oder Großstadtstandort sind resilienter. Besonders stark unter Druck stehen: kleine, mietenabhängige Clubs in Großstädten, Venues in Klein- und Mittelstädten sowie reine Konzert-Venues ohne Nebengeschäft.

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

WD-Bericht 2026 (Clubmonitoring 2025): Zwar hat sich der Umsatzverlust mit -2,8 % leicht abgeschwächt. Aber: Die Kostendeckungsquote verringert sich weiter. 81 % der Befragten sehen sich grundsatzlich vor finanzielle Herausforderungen gestellt.

 

3. Was Clubs eigentlich sind – und warum das für die Lösung relevant ist

Die Clubstudie beschreibt Musikspielstätten nicht primär als Wirtschaftsbetriebe, sondern als Orte kultureller und sozialer Produktion:

  • 190.000 Musikveranstaltungen pro Jahr (520 Konzerte täglich)
  • 260.000 Künstler:innen-Auftritte pro Jahr, davon 75.000 Newcomer-Auftritte
  • 43.000 Beschäftigte in Musikspielstätten
  • 80 % aller Musikspielstätten fassen maximal 500 Personen
  • 93,7 % der Betreiber:innen gründeten ihre Spielstätte, um einen offenen Raum für Begegnung zu schaffen

Die öffentliche Subvention pro Besuch liegt bei Clubs bei ca. 2,30 € – bei Theatern bei über 200 €.

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

WD-Bericht 2026 bestätigt die Nachwuchskrise: Laut LiveKomm-Monitoring können die Musikspielstätten deutlich weniger Nachwuchskünstlern eine Bühne bieten (61 % bestätigen dies).

WD-Bericht 2026 ergänzt aus der Festivalforschung (Studie 2025, n=1.764 Festivals): Deutsche Festivals bieten jährlich rund 51.000 Acts eine Bühne, davon durchschnittlich 12 Nachwuchskünstler pro Festival. 81 % der Festivalveranstalter wünschen sich eine Förderung der Künstlerhonorare. Nur 15 % der Festivals erzielen Gewinne – 30 % schlossen ihre letzte Ausgabe mit Verlust ab.

 

4. Wo liegt also das tatsächliche Problem?

  • Kostenproblem: Produktionen sind teurer geworden, Margen waren schon vorher gering.
  • Nachfrageproblem: Publikum kauft später, selektiver und sicherheitsorientierter.
  • Marktstrukturproblem: Große Formate und integrierte Player ziehen mehr Wertschöpfung auf sich.
  • Kulturwandel: Entdeckung findet stärker digital statt; kleine Live-Orte verlieren teilweise ihre frühere Gatekeeper-Funktion.

Selbst oder gerade wenn sich das Weggehverhalten verändert hat, bleibt die Frage, ob eine Gesellschaft Orte erhalten will, an denen neue Kultur überhaupt entstehen kann.

 

5. Was folgt daraus für den Live Music Fund?

Der Live Music Fund ist keine Antwort auf alle Probleme. Er löst nicht allein: Mietdruck, Lärmkonflikte, Gentrifizierung, Marktkonzentration, Ticketzweitmarkt oder kommunale Kulturpolitik.

Aber er adressiert einen zentralen Punkt: Ein kleiner Teil der Wertschöpfung dort, wo der Live-Markt besonders stark ist, soll wieder in die Basis zurückfließen, aus der dieser Markt langfristig lebt.

Das ist kein Almosen. Es ist ein Reinvestitionsmodell. Denn ohne funktionierende Clubs gibt es keine Newcomer. Und ohne Newcomer gibt es irgendwann niemanden mehr, der die Stadien füllt.

 

5.1 Was der WD-Bericht zur Zulässigkeit einer Ticketabgabe sagt

Der WD-Bericht analysiert auf 50 Seiten erstmals wissenschaftlich die verfassungsrechtliche Grundlage für eine Pflichtabgabe auf Bundesebene nach dem Vorbild der Filmabgabe (FFG) und des französischen CNM-Modells.

WD-BERICHT 2026 BESTÄTIGT:

WD-Bericht 2026, Kernergebnis: „Je nach konkreter Ausgestaltung könnte somit die Regelung einer Pflichtabgabe im Livemusikbereich durch den Bund auf das Recht der Wirtschaft gemäß Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG gestützt werden.“

Der WD-Bericht stellt ferner fest, dass eine als Sonderabgabe ausgestaltete Ticketabgabe verfassungsrechtlich zulässig sein kann, wenn:

  • ein besonderer Sachzweck (Förderung der Livemusikbranche) verfolgt wird,
  • eine homogene, abgrenzbare Gruppe von Abgabepflichtigen vorliegt,
  • diese Gruppe eine besondere Finanzierungsverantwortung trägt,
  • das Aufkommen gruppennutzig verwendet wird.

WD-Bericht 2026: Das BVerfG hat für die analoge Filmabgabe geurteilt, dass die Gesetzgebungskompetenz des Bundes „nicht schon dann entfällt, wenn der Gesetzgeber mit wirtschaftsbezogenen Regelungen zugleich kulturelle Zwecke verfolgt.“ Dieser Grundsatz dürfte auf den Livemusikbereich übertragbar sein, „da auch Musikveranstaltungen Wirtschaftsgüter darstellen dürften.“

Der LMF verfolgt in Phase 1 einen freiwilligen Ansatz und positioniert sich gleichzeitig als Vorläufer einer möglichen gesetzlichen Regelung – deren verfassungsrechtliche Machbarkeit der WD-Bericht nun erstmals auf Bundesebene bestätigt.

 

6. Gemeinsame Arbeitsgrundlage

  • Live-Musik ist wirtschaftlich nicht schwächer geworden – der Markt wächst.
  • Kleine Clubs und Nachwuchsformate profitieren davon nicht automatisch – bestätigt durch WD-Bericht 2026.
  • Die Kosten- und Risikoentwicklung trifft kleine Formate härter – 97 % der Clubs melden Kostensteigerungen (WD-Bericht 2026).
  • Publikumsgeld verschiebt sich stärker zu großen, sicheren Events.
  • Clubkultur bleibt aber die Basis für Nachwuchs, Szenen und kulturelle Vielfalt.
  • Deshalb braucht es neue Mechanismen, die wirtschaftlichen Erfolg systematisch mit Reinvestition verbinden.
  • Das Phänomen ist nicht lokal, sondern international – der WD-Bericht 2026 bestätigt erstmals die Machbarkeit einer Lösung auch für Deutschland.

Kernsatz

Das Problem ist nicht, dass Live-Musik keinen Wert mehr hat. Das Problem ist, dass der Wert im Live-Markt immer stärker oben entsteht – während die Orte, an denen neue Musik, neue Szenen und neue Karrieren beginnen, strukturell unterfinanziert bleiben. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat diese Diagnose im Juni 2026 erstmals auf wissenschaftlicher Grundlage bestätigt.

 

Quellen

Primärquelle: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: „Livemusikveranstalter in Deutschland“, WD 1-3000-007/26, WD 3-3000-060/26, WD 4-3000-039/26, Abschluss 2. Juni 2026.

Weitere Quellen: GEMA Konzerte in Deutschland 2024; Clubstudie 2021 (Initiative Musik, n=830); Musikwirtschaftsstudie 2024 (BDKV); CTS Eventim Jahresbericht 2024; Destatis Reallohnindex; Music Venue Trust Annual Reports 2023/2024; LiveKomm-Analyse Mai 2025; Centre national de la musique (CNM); NPR; Initiative Musik: Musikfestivals in Deutschland 2025.

GEMA Konzerte in Deutschland 2025 

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