29. Oktober 2023

Kultur:Wandel – Impulse für eine zukunftsweisende Kulturpraxis // Einführung

Einführung in den Sammelband Anna Blaich, Felix Grädler, Dr. Henning Mohr, Hannes Seibold
29. Oktober 2023

Kultur:Wandel – Impulse für eine zukunftsweisende Kulturpraxis // Einführung

Einführung in den Sammelband Anna Blaich, Felix Grädler, Dr. Henning Mohr, Hannes Seibold

Inhalt dieses Beitrags

Im Kontext des gesellschaftlichen Wandels und in Zeiten multipler Krisen muss sich auch der Kulturbereich weiterentwickeln. Aktuelle Megatrends – wie die zunehmende Diversität, Digitalität und Nachhaltigkeit – haben enorme Auswirkungen auf die zukünftige Ausgestaltung des kulturellen Lebens (Mohr et. al. 2016, S. 6). Allerdings reagiert gerade der öffentlich geförderte Kultursektor eher zögerlich auf sich verändernde Anforderungen. Die Akteur:innen dieses Felds scheinen sich besonders stark an etablierten Traditionen und althergebrachten Routinen zu orientieren. Ein wesentlicher Faktor für diese strukturkonservative Ausrichtung sind sicherlich die etablierten Mechanismen der öffentlichen Kultur- und Förderpolitik, die kaum Anreize oder Unterstützungsleistungen zur Transformation setzen. Vielmehr reproduzieren sie den vorherrschenden Status quo innerhalb der etablierten Institutionen, da durch die geringen Vorgaben und eine dauerhafte Finanzierung kaum ernsthafter Veränderungsdruck existiert. Diese Selbstbezüglichkeit wird durch das Ideal künstlerischer Autonomie, einen stark akademisierten Kanon und eingefahrene Bürokratien und Regularien zusätzlich deutlich verstärkt (Mohr 2020).

In der aktuellen Debatte werden deshalb viele Kultureinrichtungen etwas provokant als „Elfenbeintürme“ beschrieben, die sich kaum an den Bedürfnissen ihrer Umwelt und damit der Menschen orientieren. So kritisiert etwa Fabian Burstein (2022) die vorherrschende Abgewandtheit des Sektors. Das Referenzsystem dieses Feldes bezöge sich „nach wie vor auf Quellen aus anderen Jahrhunderten“ (Burstein 2022, 12). Dieses rückwärtsgewandte Fundament blockiere in vielen Fällen die Neuausrichtung und damit eine gesellschaftlich relevante Positionierung. Gerade während der Coronakrise konnten diese Effekte noch einmal deutlich beobachtet werden. Insbesondere in der ersten Phase der lockdownbedingten Schließung von Kultureinrichtungen betonten viele Kulturmacher:innen ihre Systemrelevanz, forderten Öffnungen und wünschten sich zu einer vermeintlichen Normalität zurück. Sicherlich kann die Politik in Bezug auf Schließungen zumindest teilweise kritisiert werden. Gleichzeitig wurde im formulierten Ideal der Normalität durchaus auch schwierige Haltungen des Sektors deutlich. (System-)Relevanz, so schien es, ist für viele Akteur:innen des Feldes einfach vorhanden und muss nicht erarbeitet werden. Diese Interpretationen blieben allerdings nicht gänzlich ohne Widerspruch und haben sich im Laufe der Zeit auch abgeschwächt. Die lockdownbedingte Pause führte vielfach zur Reflexion des eigenen Handlungsbereichs und öffnete den Korridor für Veränderungen (Pfost et. al. 2020). Passend dazu gab es viele Versuche, neue digitale Kunst- oder Vermittlungsprojekte auf die Beine zu stellen, um so weiter produzieren zu können. Parallel dazu entwickelten sich Debatten über die Notwendigkeit der Transformation und zur relevanten Positionierung (Fonds Darstellende Künste 2022). 

Zwar lässt sich derzeit beobachten, dass das durch die Corona-Pandemie gewachsene Problembewusstsein durch die Effekte der Klimakrise und die Auswirkungen des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine noch verstärkt wird. Allerdings sind nur vereinzelt ernsthafte Reformbemühungen zu beobachten. Viele der motivierten Anstrengungen zum Ausbau digitaler Aktivitäten während der frühen Phasen der Pandemie sind längst beendet, alte Verhaltensmuster und damit althergebrachte Kunstverständnisse wieder dominant. Dieser Rückfall in eine Normalität ist besonders trügerisch, da die Gefahr eines zunehmenden Bedeutungsverlusts besteht. Langsam, aber sicher zeichnet sich ein Publikumsrückgang ab, der durchaus auf eine fehlende Relevanz und damit Legitimation des Kulturbereichs hinweist. Auf die vielfältigen Debatten darüber, wie sich die kulturellen Infrastrukturen resilient aufstellen lassen, müssen nun dringend Taten folgen. Es braucht jetzt eine kritische Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Arbeitsweisen, die in ernsthafte strukturelle Veränderungen münden – zumal bereits seit vielen Jahren auf die Notwendigkeit des Wandels hingewiesen wird (Mohr 2021).

Reformbewegungen im Kulturbereich

Die Forderungen zur Teilhabeorientierung, Demokratisierung und Öffnung des (öffentlich geförderten) Kulturbereichs gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten. Schon seit der „Kultur für alle“-Reformbewegung in den siebziger Jahren wird darauf hingewiesen, dass die vorhandenen Angebote nur einen Bruchteil der Bevölkerung erreichen (Hoffmann 1979). Bereits in dieser Zeit existierte die Hoffnung, dass eine Zugänglichkeit zum kulturellen Leben für möglichst viele Menschen durch die Soziokulturalisierung der hochkulturellen Kulturpraxis ermöglicht werden könnte. Der Begriff der Soziokultur bezog sich in der damaligen Logik noch nicht auf eine eigene Sparte, sondern war zentraler Ausdruck zur Beschreibung der notwendigen Weiterentwicklung und bewussten Gestaltung des Kulturbereichs. Dementsprechend handelt es sich um Inhalt und Programm „einer alternativen Kulturpolitikkonzeption, die sich auf gesellschaftliche Prozesse bezieht und sich als Teil der Gesellschaftspolitik begreift“ (Sievers 1988, 39). Der anvisierte Bruch mit dem klassischen Kunstverständnis sollte nicht nur die Teilhabe an Kultur erhöhen, sondern vielmehr emanzipatorischen Charakter entfalten. Es gab die Hoffnung, dass die Integration in künstlerische Prozesse gemäß dem Ideal einer kulturellen Demokratisierung den Möglichkeitssinn der Menschen erhöht und sie zum aktiven Mitwirken an der Gesellschaft empowert. Dazu passend schreibt Knoblich: „Kultur sollte gesellschaftliche Relevanz entfalten, das Kunstwerk Bezugspunkt für Kommunikation sein, etwas für das Leben bedeuten“ (Knoblich 2016, 15).

Der Anspruch einer „Kultur für alle“ war von Anfang an bewusst als Utopie formuliert. Es herrschte Klarheit darüber, dass niemals alle Menschen gleichermaßen erreicht werden können. Durch die Erweiterung des Kulturangebots, andere künstlerische Ausdrucksformen und neue Bildungs- und Vermittlungsleistungen wurde es immerhin möglich, die soziale Ausgrenzung einiger Menschen etwas zu verringern. Dies führte zumindest teilweise zu mehr gesellschaftlicher Solidarität und einer verbesserten sozialen Gerechtigkeit. Daran anknüpfend haben die Reformbewegungen durchaus einige Erfolge erzielt. Gleichzeitig muss kritisch konstatiert werden, dass sich viele dieser Aktivitäten bis heute nur an der Peripherie der Kulturorganisationen vollziehen und den klassischen Machtapparat nie in Frage gestellt haben. Die neuen Aufgaben und Rollen in den Institutionen haben oftmals nur wenig Einfluss auf die Grundbedingungen der Produktion. Deshalb konnte der Kunst- und Kulturbereich den erhofften emanzipatorischen Charakter auch nie wirklich entfalten. Sicherlich gab es auch in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Versuche, nachzusteuern und ein anderes Kultursystem zu etablieren. Allerdings haben sich die Schwierigkeiten im Kontext eines disruptiven gesellschaftlichen Wandels im Kontext einer Pluralisierung der Lebenswirklichkeiten deutlich verstärkt. Vieles weist darauf hin, dass ein ganz anderes Verständnis von Kunst und Kultur erarbeitet werden muss, das den sich verändernden Bedarfen der heutigen Generation gerecht werden kann (Schulze 2005). 

Dazu braucht es mehr Gestaltungsanspruch in Politik und Verwaltung. Derzeit bemühen sich Bund, Länder und Kommunen im Kontext bevorstehender Haushaltskonsolidierungen vor allem um eine Bestandssicherung, was sich durch die Auswirkungen der multiplen Krisen wohl verstärken dürfte. Parallel dazu stockt die Debatte über eine stärkere gesetzliche Verankerung einer Verpflichtung auf Kultur. Deshalb wird auch über die Art und Weise der Ausgestaltung kultureller Daseinsvorsorge nur unzureichend gesprochen. Kulturförderung ist noch immer eine freiwillige Leistung der Kommunen (Lenk et. al. 2013) und wird in Bezug auf die kulturpolitischen Strategien stark durch die definierten Rahmenbedingungen der jeweiligen Träger:innen beeinflusst. Aufgrund der Pfadabhängigkeit der Kulturförderung liegt der Fokus immer noch zu sehr auf den Institutionen der Hochkultur. Vielfach werden diese Kulturinstitutionen von einem eher älteren, konservativ-etablierten und liberal-intellektuellen Milieu frequentiert. Auf Basis einer repräsentativen empirischen Untersuchung zur sozialen Selektion des Bühnenpublikums aus dem Jahr 2016 von Tibor Kliment wird dies am Beispiel einer Umfrage an einem städtischen Theater deutlich. Demnach verfügten 89 Prozent der Besucher:innen über ein Studium oder zumindest über Abitur, knapp über 60 Prozent sind Beamt:innen, leitende Angestellte oder Selbstständige und mit 66 Prozent stellen die über 50-Jährigen die mit Abstand größte Alterskohorte. Lediglich 17 Prozent der Besucher:innen sind unter 34 Jahren alt (Kliment 2016).

Angesichts der vorherrschenden Schieflagen im Kontext neuer Krisenphänomene, scheint es wieder an der Zeit zu sein, stärker an die früheren Reformbewegungen anzuknüpfen und neue Selbstverständnisse in Kulturpolitik und Kulturpraxis einzufordern. Dafür braucht es einerseits eine fundierte (kultur-)wissenschaftliche Auseinandersetzung. Gleichzeitig ist es notwendig, dass bereits vorhandene Best-Practice-Beispiele zur Orientierung für die Kulturmacher:innen und Kulturpolitiker:innen vor Ort sichtbar gemacht werden. Die vorliegende Publikation sieht sich in der oben beschriebenen Traditionslinie und knüpft damit an elementare Fragen einer reform- und transformationsorientierten Kulturpolitik an. Aus diesem Grund fragt der Sammelband ganz bewusst danach, wie die Kultur im postdigitalen Zeitalter des 21. Jahrhundert so strukturiert werden kann, dass dieses Feld der Lebenswelt von möglichst allen Menschen gerecht wird. Dafür ist es notwendig, dass auch dafür notwendige Rahmenbedingungen einer transformationsorientierten Kulturpolitik und Kulturförderung abgeleitet werden. 

Die Zielgruppe des Sammelband sind Akteur:innen aus dem gesamten Spektrum von Kunst und Kultur. Gemeint sind damit nicht nur Kulturmacher:innen, sondern auch Kulturforscher:innen, Kulturpolitiker:innen sowie Beschäftigte aus Kulturverwaltungen und dem Kulturmanagement. Sie alle sollen durch die Impulse aus den Texten für neue Herangehensweisen im Kulturbereich sensibilisiert, motiviert und aktiviert werden – in der Hoffnung, dass sich dadurch langfristig wirklich ernstzunehmende Anpassungen ergeben. 

Aufbau des Sammelbands

Der Open Call im Sommer 2021 wurde positiv aufgenommen und führte bereits in den sozialen Medien zu einer Debatte über Transformationsbedarfe im Kulturbereich. Mehr als 50 Personen reichten ein entsprechendes Abstract mit einer Textidee ein. Auf einer Jurysitzung der Herausgeber:innen wurden davon letztlich 42 Texte und Praxisbeispiele für die Veröffentlichung ausgewählt. Der vorliegende Sammelband basiert ausschließlich auf diesen Beiträgen. Da es keine direkten Anfragen für Texte gegeben hat, sind Leerstellen in Bezug auf aktuell diskutierte Themen im Kontext des gesellschaftlichen Wandels nicht ausgeschlossen. Dies wird dadurch verstärkt, dass einige Krisen – wie etwa der Ukraine-Krieg und die damit verbundene Inflation auf dem Energiemarkt – zur Zeit des Calls überhaupt noch nicht absehbar waren. Zusätzlich sollte erwähnt werden, dass drei Herausgeber:innen sich intensiv mit Themen der Clubkultur beschäftigen, so dass dieses Thema im vorliegenden Buch eine gewisse Sonderrolle einnimmt. Trotz dieser Unschärfen liefern die vorhandenen Texte wichtige Impulse für die Debatte über die zukunftsweisende Weiterentwicklung kultureller Infrastrukturen und bereichern damit den Diskurs über Transformationsthemen. 

Schon bei der Konzeption und Vorbereitung des Sammelbands war es den Herausgeber:innen wichtig, dass die Texte aus dem Open Call gemäß einer entsprechenden Dramaturgie in jeweils passenden Kapiteln und damit thematisch sortiert veröffentlicht werden. Die Vorüberlegungen lieferten bereits ein entsprechendes Raster dafür, welche Aspekte für das Grundanliegen besondere Relevanz entfalten müssten. Das Buchprojekt beschäftigt sich mit der Transformation kultureller Infrastrukturen zu mehr Kulturgerechtigkeit und nimmt dazu zukunftsweisende Beispiele für Kulturpraxis und Kulturpolitik in den Blick. Die finale Einteilung konnte erst durch eine ausführliche Auseinandersetzung mit den eingereichten Texten erfolgen. Durch die Vielfalt des vorhandenen Materials sind unterschiedliche und voneinander abweichende Perspektiven auf einzelne Themenbereiche möglich. Letztlich wurden die verschiedenen Beiträge in drei zentrale Kapitel eingeteilt: Visionen für einen Kulturbereich der Zukunft, kulturpolitische Rahmenbedingungen unter Berücksichtigung des Aspekts der Nachtkultur und der bedeutende Aspekt der Kulturgerechtigkeit. Zur weiteren Inspiration finden sich innerhalb des Sammelbands zwischen den drei zentralen Themenfeldern jeweils Praxisbeispiele von Projekten, die sich durch neue Wege und Herangehensweisen auszeichnen. Die Praxisbeispiele bieten die Möglichkeit, neben den eher theoretisch gehaltenen Texten einen Einblick zu bekommen, wie eine generationengerechte und zukunftsgewandte Kultur(-politik) bereits gelebt und umgesetzt wird. 

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit Zukunftsbildern. Gemeinsam gehen die Autor:innen in ihren Texten der Frage nach, ob am Ende wirklich alles gut wird und was „gut“ überhaupt bedeutet. Ebenfalls steht zur Diskussion, ob digitale Kulturformate das Potenzial haben, das Analoge zu ersetzen oder dieses lediglich nachahmen, anstatt die Kulturrezeption sinnvoll zu ergänzen. Darüber hinaus eröffnen sie das Szenario, dass das Digitale gar helfen kann, die Vision „Kultur für alle“ umzusetzen. Einig sind sich alle Autor:innen in diesem Kapitel: auch innerhalb der Kultur muss deutlich mehr Fortschritt gewagt, müssen neue Visionen erdacht und nachhaltige Prozesse angepasst werden. Viele der Zukunftsbilder weisen bereits darauf hin, dass die Transformation kultureller Infrastrukturen ohne eine Neuausrichtung der kultur- und förderpolitischen Rahmenbedingungen kaum gelingen kann. 

Daran anknüpfend beschäftigt sich das zweite Kapitel mit der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in diesem Feld. Die vorliegenden Texte diskutieren beispielsweise den Bedarf eines veränderten Politikverständnisses in Form einer Cultural Governance, neue Leitbilder für die Förderpolitik, einen anderen Umgang mit Sparten und solidarischeren Betriebsformen. Diese Impulse helfen dabei, das Bild einer Kulturpolitik der Transformation zu skizzieren, die einer zukunftsweisenden Kulturpraxis den Weg ebnen kann. Im Kontext neuer Sparten und Förderpolitiken wird in diesem Kapitel das Feld der Nacht- und Clubkultur besonders in den Blick genommen. Obwohl gerade dieser Kultursektor für Jugendliche und junge Erwachsene von besonderer Bedeutung ist, spielt er im klassischen Selbstverständnis der Kulturpolitik noch eine untergeordnete Rolle. Deshalb hinterfragen die vorliegenden Texte die aktuellen Selbstverständnisse und liefern Beispiele zur Förderung der Clubszene.

Abgeschlossen wird das Sammelbandprojekt im Themenschwerpunkt der Kulturgerechtigkeit. Was aber ist eine gerechte Kultur? Was bedeutet Gerechtigkeit in der Kultur? Diese Fragen können durch die Textbeiträge nicht abschließend, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven beantwortet werden. So diskutieren die vorliegenden Texte Gerechtigkeit mit Blick auf die migrantische Kultur, intersektionale Antidiskriminierung in der Hochschulausbildung und Zutaten zur Geschlechtergerechtigkeit. Sie stellen aber auch die Frage nach dem Weg zur Kulturstadt für alle, gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Kultur und sowie Möglichkeiten und Grenzen des Verwaltungshandelns für eine gerechtere Kultur. 

Ausblick: Impulse für eine zukunftsweisende Kulturpraxis

Die Gesellschaft erlebt multiple Krisen, die bisherige Selbstverständnisse und Lebenswirklichkeiten auf die Probe stellen. Derzeit lassen sich die langfristigen Folgen des Klimawandels, des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und der Inflation nur ungefähr erahnen. Schon jetzt offenbaren sich im Kontext der Inflation allerdings neue sozioökonomische Ungerechtigkeiten, die zu Ausgrenzungen führen und das demokratische Miteinander gefährden. Viele dieser Effekte lassen sich auch am Programmangebot und spezifischen Traditionen des Kulturbereichs ablesen. Bis heute können breite Teile der Bevölkerung nicht ausreichend am öffentlich geförderten Kulturleben partizipieren. Es mangelt an Zugänglichkeit, Teilhabe und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Während die Gesellschaft immer vielfältiger wird, bleibt das Publikum im Feld von Kunst und Kultur oftmals seltsam homogen. Deshalb muss der Dialog über eine andere Kulturpraxis und die Ausgestaltung kultureller Infrastrukturen wieder deutlich intensiviert werden. Auf diesem Weg ist der hier vorliegende Sammelband aus unserer Sicht ein wichtiger Meilenstein. 

Sicherlich wird auch dieser den Kulturbereich nicht revolutionieren können. Wie oben bereits deutlich geworden ist, gehört es zur bitteren Wahrheit, dass die Kultur besonders schwerfällig auf den Wandel reagiert. Allerdings scheint langsam etwas in Bewegung zu kommen. Insbesondere der Publikumsschwund der vergangenen Monate könnte für ein Umdenken sorgen. Jedenfalls mehren sich die Stimmen, die sich eine Reform kultureller Infrastrukturen wünschen und zukunftsweisende Praxisformen in den Blick nehmen. Daran anknüpfend liefern die Texte des vorliegenden Werks viele richtungsweisende Impulse. Allerdings muss selbstkritisch festgestellt werden, dass dadurch keine abschließenden Antworten auf alle Fragen des Wandels möglich sind. Die Vielschichtigkeit und Geschwindigkeit von Veränderungsprozessen rücken die Fähigkeit zur permanenten Anpassung in den Vordergrund. Dementsprechend braucht es einen Dialog über Transformationskompetenzen und agile sowie resiliente Infrastrukturen. Somit liefert der Sammelband zwar kein Patentrezept, jedoch bieten die Beiträge wichtige Ansätze, um Handlungsweisen zu überdenken und neue Herangehensweisen für eine zukunftsweisende Kultur(-politik) zu suchen. 

Der Sammelband kann somit als Startpunkt für eine Debatte gesehen werden, um eine Perspektive für nachhaltige, innovative, kreative Kulturarbeit zu schaffen, die auf gesellschaftliche Anerkennung und auf Verständnis für die wirtschaftlichen Anforderungen trifft. Dabei zählt vor allem, gemeinsam die in den Texten aufgezeigten und sehr unterschiedlich gelagerten Hürden zu überwinden und die Verantwortung für einen konstruktiven Prozess zu übernehmen – auch gemeinsam mit engagierten Partner:innen. 

Danksagungen

Dieses Buchprojekt konnte nur durch die Unterstützung der unterschiedlichsten Institutionen und Personen realisiert werden. Zunächst möchten wir uns bei den Autor:innen bedanken, die unserem Call gefolgt sind und einen Beitrag beigesteuert haben. Ihnen verdanken wir die vielfältigen Perspektiven und Zugänge, die ganz klar das Herzstück dieser Veröffentlichung bilden. Dieses Material liefert nicht nur Orientierung im weiten Feld der Transformation, sondern dient auch zur Inspiration und Aktivierung für neue Herangehensweisen. 

In Bezug auf die Qualitätssicherung der Texte sollte unsere Lektorin Dr. Ines Eckermann nicht unerwähnt bleiben. Sie hat alle Texte noch einmal final korrigiert und so für den letzten Feinschliff gesorgt. Ein besonderer Dank für Design, Layout und Satz gilt Wolfram Glatz und Lukas Breitkreutz. Sie haben für eine besondere Ästhetik des Werks gesorgt, das sich von vielen anderen Veröffentlichungen im wissenschaftsnahen Bereich abhebt. 

Ein zusätzlicher Dank gilt den verschiedenen Förderern dieses Projekts: Die Kulturpolitische Gesellschaft e. V. unterstützte die Realisierung dieses Vorhabens durch NEUSTART-Mittel der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und durch den Wissenstransfer in die Fachcommunity. Darüber hinaus danken wir dem Team der halle02, das den Band mit seiner Infrastruktur, seinen Ressourcen und weiteren Förderungen möglich gemacht hat. 

HIER GEHTS ZUM BUCH – ALS HARDCOVER (SCHÖN) ZU BESTELLEN ODER KOSTENLOS ALS PDF

Literaturverzeichnis:

Burstein, Fabian. 2022. Eroberung des Elfenbeinturms: Streitschrift für eine bessere Kultur. Wien: Edition Atelier. 

Deutscher Bundestag. 2021. Entschließungsantrag zum Entwurf eines Gesetzes zur Mobilisierung von Bauland (Baulandmobilisierungsgesetz). Drucksache 19/24838. 

Initiative Musik gGmbH. 2021. Clubstudie, Studie zur Situation der Musikspielstätten in Deutschland 2020/2021.

Fonds Darstellende Künste. 2022. Transformation der Theaterlandschaft. Zur Förderung der Freien Darstellenden Künste in Deutschland. 2. erweiterte Ausgabe der Gesamtstudie. Bielefeld: transcript Verlag. 

Hoffmann, Hilmar. 1979. Kultur für alle: Perspektiven und Modelle. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Kliment, Tibor. 2016. Das Publikum von Theater und Oper. https://www.kulturmanagement.net/Themen/Das-Publikum-von-Theater-und-Oper-Soziale-Zusammensetzung-und-die-Wirksamkeit-von-Zugangshuerden. Zugegriffen: 3. Januar 2023.

Knoblich, Tobias J. 2016. Programmformeln und Praxisformen der Soziokultur. Kulturpolitik als kulturelle Demokratie. Wiesbaden: Springer VS. 

Lenk, Thomas, Hesse, Mario und Lück, Oliver. 2013. Synoptische Darstellung der kommunalen Finanzausgleichssysteme der Länder aus finanzwissenschaftlicher Perspektive. Gutachten im Auftrag des Rechnungshofes Mecklenburg-Vorpommern. Leipzig.

Mohr, Henning, Niemann, Constantin und Knapp, Katharina. 2016. Hidden Potential: Intrapreneurship in Museumsorganisationen. INTRAFO-Projektbroschüre. https://www.bergbaumuseum.de/fileadmin/files/zoo/uploads/flyer/HiddenPotential_-_Intrapreneurship_im_Museum_INTRAFO-Projektbroschre.pdf. Zugegriffen: 27. Dezember 2022. 

Mohr, Henning. 2020. Zukunftsfragen: Wie innovationsfähig ist der Kulturbereich? Politik&Kultur 11/20.

Mohr, Henning. 2021. Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik: Zeit für Transformationen. Politik&Kultur 9/21.

Pfost, Haiko/Rentfordt, Wilma/Schreiber, Falk. 2020. Lernen aus dem Lockdown? Nachdenken über Freies Theater. Herausgegeben vom NRW KULTURsekretariat. Wuppertal. 

Schulze, Gerhard. 2005. Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt.

Sievers, Norbert. 1988. Neue Kulturpolitik. Programmatik und Verbandseinfluss am Beispiel der Kulturpolitischen Gesellschaft. Dokumentation Nr. 32. Herausgegeben von der Kulturpolitischen Gesellschaft e. V. Hagen.

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