Bildung, Infrastruktur, Soziales – und auch die Kultur geraten dabei immer wieder ins Visier. Das heißeste Beispiel dazu gerade: Berlin. Doch gerade hier müssen wir aufpassen: Denn eine Stadt, die bei Kultur und Kinderbetreuung spart, schneidet sich langfristig ins eigene Fleisch.
Als Clubbetreiber und Stadtrat sehe ich täglich, was Kultur für Heidelberg bedeutet: Sie schafft Identität, bringt Menschen zusammen und macht Städte lebenswert. Doch Kultur ist noch mehr: Sie ist ein Standortfaktor, ein Wirtschaftsmotor und ein sozialer Kitt für die Gesellschaft. Vor allem für junge Menschen und Menschen aus bildungsfernen Schichten ist sie oft der Schlüssel zu Teilhabe und Integration. Aber es gilt auch: eine Kulturpolitik, die nur die großen Institutionen wie Theater oder Museen fördert, bleibt zu kurz gedacht. Wir brauchen eine breite Förderung, die auch alternative, junge Kulturprojekte unterstützt und neue Zielgruppen erreicht.
Kultur als Standortfaktor
Städte wie Heidelberg konkurrieren nicht nur national, sondern auch international um Talente, Unternehmen und junge Familien. Eine lebendige Kulturszene ist ein entscheidender Faktor, der Städte attraktiv macht. Clubs, Festivals, freie Theater und Jugendkulturprojekte ziehen junge Menschen an und sorgen dafür, dass sie bleiben. Die aktuelle Clubsterben-Debatte zeigt jedoch: Diese Orte kämpfen ums Überleben. Gründe sind nicht nur die Nachwirkungen der Pandemie, sondern auch hohe Mieten, Personalnot und mangelnde Förderung. Wer Kultur als Standortfaktor begreift, muss hier ansetzen und gezielt investieren – in innovative Konzepte, in Nischenkultur, in die Breite.
Kulturförderung neu denken
Die Kulturförderung der Zukunft darf nicht immer die gleichen etablierten Institutionen bedienen. Vielfalt und Zugänglichkeit müssen die neuen Leitlinien sein. Das heißt: Förderung für Projekte, die junge Menschen ansprechen, die außerhalb traditioneller Räume stattfinden und die auch bildungsferne Schichten erreichen. Jugendzentren, alternative Clubs, niederschwellige Workshops – Kultur muss dorthin gebracht werden, wo sie gebraucht wird. Ein Beispiel – belegt durch die Ergebnisse der aktuellen Allensbach-Studie: Viele Jugendliche fühlen sich heute von klassischer Kultur nicht angesprochen. Dabei sind kreative Ausdrucksformen wie Musik, Tanz und Kunst oft die besten Werkzeuge, um junge Menschen zu erreichen und sie zu empowern.
Doch der Innovationsdruck trifft nicht nur kleine, alternative Kulturprojekte. Auch die großen kulturellen Player – Theater, Museen, Opernhäuser – müssen kreativ werden und neue Wege gehen. Es reicht nicht mehr, immer denselben Zielgruppen zu dienen. Große Häuser sollten von jüngeren Kulturinstitutionen lernen, die oft flexibler, mutiger und näher am Puls der Zeit agieren. Die Diskussion hierzu und auch, ob Deutschland wirklich 10 neue Tempel für jeweils 1 Milliarde in den nächsten Jahren braucht, muss geführt werden, ich erinnere hierzu gerne an meinen Blogbeitrag “500 Millionen für junge Kultur”.
Das Ziel muss klar sein: Kulturelle Angebote für alle Gesellschaftsschichten zu schaffen – niedrigschwellig, inspirierend und zugänglich. Ein Theater oder Museum, das sich wirklich öffnet und aktiv auf neue Zielgruppen zugeht, schafft einen Mehrwert für die gesamte Stadtgesellschaft. Die kulturelle Infrastruktur muss einladend sein – für Jung und Alt, für Bildungsferne genauso wie für Kulturinteressierte.
Nur wenn wir Kultur für alle zugänglich machen und Institutionen fördern, die sich immer wieder neu erfinden, wird Kultur zum echten Standortfaktor, der Menschen zusammenbringt und Städte lebendig hält.
Warum Kitas dazugehören
Ebenso wie die Kultur sind auch Kinderbetreuungseinrichtungen ein fundamentaler Bestandteil einer zukunftsfähigen Stadt. Kitas sind nicht nur soziale Institutionen, sie sind auch wirtschaftliche Infrastruktur. Sie ermöglichen es Eltern, zu arbeiten, sich zu engagieren und Unternehmen zu gründen. Eine Stadt, die in Kitas investiert, investiert in ihre Arbeitskräfte von morgen. Genauso wie eine breite Kulturförderung trägt eine gute Kita-Versorgung dazu bei, dass Menschen in der Stadt bleiben und die Wirtschaft floriert.
Investieren statt sparen
Wir dürfen uns nicht in vermeintlichen Sparmaßnahmen verlieren, die langfristig mehr kosten als sie bringen. Eine Stadt, die Kultur und Kitas kürzt, verliert an Attraktivität, Innovationskraft und sozialem Zusammenhalt. Wir brauchen eine Politik, die beides zusammendenkt: Kulturförderung als Wirtschaftsförderung und Bildung als Zukunftssicherung. Eine lebendige Stadt lebt von Orten, an denen Menschen sich begegnen, kreativ sein können und Teilhabe erleben – sei es im Club, im Theater oder in der Kita.
Der Weg nach vorne bedeutet, Prioritäten neu zu setzen und dabei nicht nur die Zahlen, sondern die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Kulturelle Vielfalt und soziale Infrastruktur sind keine „Nice-to-haves“, sie sind die Basis für eine starke, zukunftsfähige Kommune.
Ich freue mich auf einen Austausch und spannende Gespräche im Rahmen der Haushaltsverhandlungen.
Die folgenden Quellen haben zum Artikel beigetragen:
- Finanzielle Situationen der Kommunen in Deutschland
Auf Grund steigender Kosten und rückgängiger Gewerbesteuereinnahmen sind die Kommunen deutschlandweit unter großem finanziellen Druck und müssen bei Haushaltsverhandlungen weitreichende Entscheidungen treffen. - Havas Studie „Is the Party Over?“
Die Studie analysiert Veränderungen im Freizeitverhalten junger Menschen und die schwindende Relevanz von Partykultur. - Artikel auf Watson.de
„Clubsterben in Deutschland: Warum junge Leute immer weniger feiern gehen“ – Thematisiert die Herausforderungen, vor denen Clubs aktuell stehen, wie wirtschaftliche Probleme, Fachkräftemangel und verändertes Ausgehverhalten. - Artikel in der Welt
„Von der Angst etwas zu verpassen zur Angst, überhaupt feiern zu gehen“ – Geht auf die psychologischen Veränderungen ein, die die Pandemie im Freizeitverhalten der Menschen hinterlassen hat. - BaWü-Check der Allensbacher Umfrage (2024)
Eine repräsentative Erhebung zur Frage, wie Baden-Württemberger zu Investitionen und Einsparungen in Bereichen wie Kultur, Bildung und Infrastruktur stehen.