Die Situation in der Live-Musik Branche spitzt sich zu
Weniger Veranstaltungsorte, höhere Kosten
In Großbritannien haben 2023 ganze 125 Clubs aufgehört, Konzerte zu veranstalten, und in Deutschland sieht es ähnlich aus. Die Pandemie hat diesen negativen Trend, der seit 2014 besteht, nur beschleunigt.
Weniger Veranstaltungsorte bedeutet längere Anreisen und höhere Kosten für alle Beteiligten – Fans gehen lieber auf Nummer sicher und investieren ihr Geld in Großveranstaltungen. Damit verschlechtert sich die Lage kleinerer Bands und Künstler*innen weiter, da sie für die verbleibenden Veranstalter*innen ein zu großes Risiko darstellen. Die Tourkosten sind enorm gestiegen, während die Gagen und Zuschauer*innenzahlen oft nicht mithalten. Viele Künstler*innen können es sich schlicht nicht mehr leisten, live zu spielen. Einzig Festivals bieten noch ein sicheres Einkommen, schwanken aber stark in der Gage.
Es braucht dringend strukturelle Unterstützung und mehr politisches Engagement, um Popmusik als Kulturgut genauso zu fördern wie Klassik, Theater oder Kino.
Monopol einzelner Künstler*innen und Anbieter*innen
Dieses Ungleichgewicht ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern spiegelt sich auch in der strukturellen Ungerechtigkeit wider. Die Popkultur ist zu einem Auswuchs des Kapitalismus geworden, bei dem einige wenige den Großteil des Umsatzes generieren, während die Mehrheit kaum etwas davon sieht. Streaming-Anbieter zahlen nur für Tracks mit mehr als 1.000 Streams, was kleinere Künstler*innen weiter benachteiligt. Gleichzeitig dominiert LiveNation (der Konzern hinter Ticketmaster), den Ticketmarkt, erhöht künstlich die Preise und kontrolliert 80 Prozent der Ticketverkäufe in großen Veranstaltungsorten in den USA. Kein Wunder, dass sie kurz vor einer Klage wegen Kartellbildung vom US-Justizministerium stehen.
Frauen sind auf allen Ebenen unterrepräsentiert
Es ist dringend notwendig, mehr Diversität in der Musikindustrie zu schaffen. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit für kleinere, weibliche, queere und POC-Künstler*innen. Ein Blick auf die Lineups der größten Festivals zeigt, dass sie fast ausschließlich aus Männern bestehen – gerade die Live-Events, welche die größte Sicherheit bieten.
Hinter den Kulissen sowie in Führungspositionen sind Frauen stark unterrepräsentiert. Die drei größten Musikunternehmen – Universal, Sony und Warner Music – werden von Männern geführt: Lucian Grainge, Rob Stringer und Robert Kyncl. Zwar sind Frauen auf lokaler Ebene und in niedrigeren Hierarchieebenen stärker vertreten, aber in den Spitzenpositionen dominieren weiterhin Männer. In Deutschland hat Warner Music jedoch inzwischen paritätisch besetzte Führungspositionen – ein kleiner Lichtblick.
Die Musikindustrie will nach außen hin divers erscheinen, ist es aber in vielen Bereichen kaum. Es geht nicht darum, Männer zu verdrängen, sondern Frauen und anderen unterrepräsentierten Gruppen mehr Sichtbarkeit und Chancen zu geben. In den Billboard-Top-100-Charts des letzten Jahres waren nur 40,6 Prozent der vertretenen Interpret*innen Frauen, der Anteil der Produzent*innen lag noch niedriger, nämlich bei mageren 6,5 Prozent. Gerade die technische Seite der Branche bleibt fest in Männerhand.
Musikkultur wird elitärer
In den USA wird die Musikindustrie zunehmend von der Mittel- und Oberschicht dominiert, weil die Arbeiter*innenklasse sich die hohen Kosten, beispielsweise für die Miete eines Vans, nicht leisten kann. Die Schere zwischen erfolgreichen und nicht erfolgreichen Künstler*innen geht immer weiter auseinander, was die Branche immer ungerechter macht. Während das obere Ende der Live-Industrie Rekordgewinne meldet, kämpfen viele Künstler*innen, die bei großen Labels unter Vertrag stehen, ums finanzielle Überleben.
Eine ähnliche Entwicklung in Deutschland ist zu befürchten.
Diese doppelte Ungerechtigkeit – eine ungleiche Verteilung von Erfolg und eine mangelnde Repräsentation von Frauen, queeren Menschen und People of Color – zeigt, dass die Musikindustrie umfassende Reformen braucht. Nur durch echte Diversifizierung und eine gerechtere Verteilung der Ressourcen können wir eine lebendige und vielfältige Musikkultur erhalten.